IWF hebt Wachstumsprognose für Deutschland dank Infrastrukturinvestitionen auf 1,3 Prozent an
Die deutsche Wirtschaft bekommt Rückenwind vom Internationalen Währungsfonds (IWF): Für 2026 erwarten die Ökonomen nun ein Wachstum von 1,3 Prozent. Im Juli waren es noch 0,7 Prozent. Für 2027 rechnet der IWF mit 1,1 Prozent. Beide Prognosen entsprechen den Erwartungen der Bundesregierung.
Finanzminister Lars Klingbeil und Bundesbankpräsident Joachim Nagel nehmen an der Jahrestagung des IWF in Bangkok teil. Klingbeil sagt, Deutschland dürfe sich über die besseren Zahlen freuen. Viel wichtiger sei aber, den Aufschwung zu stabilisieren. Nach Jahren der Stagnation befinde sich die deutsche Wirtschaft wieder in einer Erholungsphase.
Investitionen sollen den Aufschwung tragen
Nagel sieht Chancen für ein länger anhaltendes Wachstum. Anders als bei früheren Prognosen habe der IWF diesmal Aufwärtskorrekturen vorgenommen. Ein wesentlicher Treiber ist das schuldenfinanzierte Sondervermögen des Bundes, aus dem milliardenschwere Infrastrukturinvestitionen bezahlt werden sollen.
Die Bezeichnung als „Strohfeuer“ weist Nagel zurück. Zusammen mit Reformen der Bundesregierung und Impulsen durch künstliche Intelligenz könne ein nachhaltigeres Wachstumsmomentum entstehen. Deutschland habe nach Jahren der Stagnation „Aufholpotenzial“.
Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums beruhen etwa zwei Drittel des erwarteten Aufschwungs auf staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung. Rund ein Drittel entfällt auf steigende Exporte. Deutsche Ausführer profitierten zeitweise von weltweiten Lieferengpässen: Wegen des Konflikts in der Golfregion stockten Käufer ihre Lager auf. Gefragt waren unter anderem energieintensive Güter wie Stahl, Dünger und Aluminium. Deutsche Zulieferer profitieren außerdem vom Boom der Künstlichen Intelligenz.
Um privates Kapital zu mobilisieren, will die Bundesregierung bei einem Investorengipfel in Berlin für Deutschland als Investitionsstandort werben. Erwartet werden Investoren aus dem In- und Ausland. Klingbeil will dabei unter anderem neue Kapitalmarktmodelle für Verkehrsprojekte und die Altersvorsorge vorstellen.
Reformen, Entlastungen und offene Rechnungen
Die schwarz-rote Koalition plant wachstumsfördernde Reformen beim Bürokratieabbau, bei den Arbeitsmarktregeln, bei der Rente und in der Pflege. Die Beiträge für Beschäftigte und Unternehmen sollen stabil bleiben. Nagel nennt das Vorhaben ein wichtiges „Fitnessprogramm“ und bescheinigt der Regierung die Bereitschaft zur Umsetzung.
Gleichzeitig drücken die hohen Energiepreise. Nach stark gestiegenen Spritpreisen infolge des Iran-Kriegs haben Bund und Länder einen milliardenschweren Tankrabatt beschlossen, der bis Jahresende gilt. Bundeskanzler Friedrich Merz will als nächsten Schritt die Stromsteuer für alle senken, nicht nur für bestimmte Branchen. Wie zusätzliche Entlastungen finanziert werden sollen, ist allerdings noch offen. Klingbeil verwies auf die Folgen für den Bundeshaushalt.
Bei den Gesprächen in Bangkok spielten innenpolitische Probleme der Koalition laut Klingbeil keine wesentliche Rolle. Die Weltwirtschaft sei trotz zahlreicher Krisen widerstandsfähig, zugleich aber von großer Unsicherheit belastet. Lang anhaltende Konflikte könnten Wohlstand, Energiepreise und Lieferketten zunehmend beeinträchtigen.
Ein zweigeteilter globaler Ausblick
Der IWF hat seine globale Wachstumsprognose für 2026 von 3,0 auf 3,1 Prozent angehoben. Für 2027 bleiben 3,4 Prozent stehen. Industrieländer erwiesen sich trotz der gestiegenen Energiepreise infolge des Iran-Kriegs als robust. Viele profitieren von höheren Investitionen in künstliche Intelligenz. Ärmeren Staaten, die vom KI-Boom kaum etwas abbekommen, machen die Energiepreise dagegen deutlich stärker zu schaffen. Der IWF beschreibt den Ausblick deshalb als „zweigeteilt“.
Nach Beginn des Kriegs zwischen den USA, Israel und Iran wurde die Straße von Hormus blockiert. Der Rohstoffhandel durch diese wichtige Energiehandelsroute ging stark zurück. Bei hoher Nachfrage führte das geringere Angebot zu steigenden Energiepreisen.
Dass der Ölpreisschock die Weltwirtschaft nicht noch härter traf, erklärt der IWF mit mehreren Faktoren: Die Weltwirtschaft sei widerstandsfähiger gegen Energieschocks geworden, die Ölförderung außerhalb des Persischen Golfs sei erhöht worden, strategische Ölreserven seien angezapft worden und Chinas Nachfrage habe nachgelassen.
Der KI-Effekt zeigt sich allerdings nicht überall gleich. In einzelnen Bereichen sind messbare Produktivitätssteigerungen erkennbar, in gesamtwirtschaftlichen Daten – etwa bei den Löhnen – bleibt der Einfluss bislang begrenzt. IWF-Chefökonomin Silvana Tenreyro erklärte, der Handel mit KI-bezogenen Gütern habe wesentlich zum Wachstum des Welthandels beigetragen. Ohne diesen Handel wäre das weltweite Wachstum laut Tenreyro etwa halb so stark ausgefallen.
Der Höhenflug hat aber eine Sollbruchstelle. Sollte sich der KI-Hype als übertrieben erweisen, könnten Tech-Aktien deutlich an Wert verlieren und das globale Wirtschaftswachstum bremsen. Energiekrise und KI-Boom könnten zudem die Inflation erhöhen. Für 2026 erwartet der IWF weltweit weiterhin 4,7 Prozent, für 2027 nun 4,1 Prozent – etwas mehr als bislang prognostiziert.
Eurozone stabil, USA mit eigener Kraft
Für die Eurozone hebt der IWF die Wachstumsprognose für 2026 um 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent an. 2027 sollen es weiterhin 1,2 Prozent sein. Nach einer Stagnation im ersten Quartal nahm das Wachstum im zweiten Quartal zu. Ausschlaggebend waren vor allem eine starke Erholung in Irland und die anhaltende Dynamik in Spanien. In den übrigen Euroländern blieb die Wirtschaftsaktivität weitgehend stabil.
Höhere Energiepreise und ein schwaches Verbrauchervertrauen bremsen dort weiterhin. Der Iran-Krieg und der KI-Boom haben laut IWF zu einer „fragmentierten“ Weltwirtschaft beigetragen.
Für die USA bleibt die Prognose für 2026 bei 2,3 Prozent. Auch 2027 sollen rund 2,3 Prozent erreicht werden, geringfügig mehr als bisher erwartet. Hohe Konsumausgaben, starke Unternehmensinvestitionen in neue Technologien, staatliche Wirtschaftspolitik, günstige Kredite und eine hohe Produktivität stützen die Vereinigten Staaten. Als Nettoenergieexporteur sind sie von der Energiekrise zudem nur begrenzt direkt betroffen.
Anders sieht es in armen Ländern und Staaten mit hoher Abhängigkeit von Energieimporten aus. Sie müssen mehr für Öl, Gas und Lebensmittel bezahlen, während ihre Währungen gleichzeitig an Wert verlieren. Das drückt das verfügbare Einkommen, verstärkt die Armut und verschlechtert die Ernährungssicherheit. In Bangkok klingt der Aufschwung daher nicht überall gleich – in manchen Ländern eher nach Baustelle als nach Aufbruch.
