Am Sohler Weg in Neuwied soll mit dem „Kastanienhof“ ein neues Stadtquartier entstehen. Geplant sind 39 Wohnungen sowie Flächen für Gewerbe und weitere Nutzungen. Das Vorhaben will Wohnen, Arbeiten und Freizeitangebote unter einem Dach verbinden – und damit ein Stück Stadt in die bisherige Fläche bringen.

Vorgesehen ist ein modernes Multifunktionsgebäude mit Wohnungen, Büroflächen, einer Kindertagesstätte und einem rund um die Uhr geöffneten Fitnessstudio. Eine eingeschossige Tiefgarage soll die nötigen Parkmöglichkeiten schaffen. Errichtet werden soll das Gebäude nach modernen Energiestandards, mit effizienter Gebäudetechnik, nachhaltiger Bauweise und zukunftsfähigen Energiekonzepten. Die Fertigstellung ist für 2027 geplant. Wer sich für eine Wohnung interessiert, kann sich bereits unverbindlich vormerken lassen.

Moderne Formen, regionale Materialien

Der Regionalverband Unteres Mittelrheintal von Stadtbild Deutschland e. V. begrüßt grundsätzlich, dass neuer Wohnraum geschaffen und eine innerstädtische Fläche entwickelt werden soll. Beim derzeit präsentierten Entwurf sieht der Verband allerdings noch Luft nach oben – vor allem mit Blick auf die regionale Baukultur des Mittelrheintals.

Der Entwurf setzt bislang vor allem auf eine moderne, kubische Formensprache, helle Fassaden und großformatige, dunkel gerahmte Fenster. Das muss kein Widerspruch zur Geschichte des Ortes sein, findet der Verband. Moderne Architektur könne regionale Baukultur aufnehmen, ohne historische Gebäude zu kopieren oder künstlich alt zu wirken. Schiefer, Basalt und regionaler Bruchstein, Holz und Lehmputz böten dafür naheliegende Anknüpfungspunkte.

Ein Sockel aus Basalt oder Bruchstein, darüber eine helle Lehmputzfassade, Holz an Balkonen und Laubengängen: So könnte der „Kastanienhof“ wärmer und stärker mit seiner Umgebung verbunden wirken. Auch warme Erdfarbtöne und natürliche Materialien werden vorgeschlagen. Bei den Fenstern regt der Regionalverband an, nicht ausschließlich auf große schwarze Flächen zu setzen, sondern helle, gegliederte Fenster mit stehenden Proportionen zu prüfen.

Auch der Baukörper selbst müsse nicht als einheitlicher großer Kubus auftreten. Unterschiedliche Baukörper, Rücksprünge und verschiedene Dachformen könnten helfen, die Anlage besser in die Umgebung einzufügen. Geneigte, mit Schiefer gedeckte Dächer wären dabei eine zeitgemäße Interpretation regionaler Bautraditionen – nicht als Folklore, sondern als heutige Gestaltungsidee.

Eine Kastanie für den Innenhof

Im geplanten Innenhof sieht der Regionalverband ein großes Gestaltungspotenzial. Der Name „Kastanienhof“ könnte durch eine große Kastanie aufgegriffen werden, die den begrünten Hof zum Mittelpunkt macht. Sitzbereiche, Bepflanzung und natürliche Materialien könnten daraus einen Aufenthaltsort für Bewohner und Besucher machen. Ein Platz, an dem man kurz bleibt, obwohl man eigentlich schon weiterwollte.

Wichtig wäre aus Sicht des Verbandes außerdem ein offener Durchgang vom Sohler Weg in den Innenhof. Er könnte Straße und Hof miteinander verbinden, den Innenbereich als Teil der städtebaulichen Struktur sichtbar machen und verhindern, dass die Anlage ausschließlich wie eine abgeschlossene Wohnanlage wirkt.

Mit seinen Vorschlägen will der Regionalverband eine Diskussion über die Qualität des Projekts anstoßen. Neuwied brauche neuen Wohnraum und zeitgemäße Stadtentwicklung, zugleich aber auch identitätsstiftende Orte. Der „Kastanienhof“ könne die Möglichkeit bieten, moderne Architektur am Mittelrhein zeitgemäß, funktional und wirtschaftlich sowie zugleich regional verbunden zu gestalten.

Baustein einer neuen Stadtentwicklungsstrategie

Das Projekt fällt in eine Phase, in der Neuwied seine Stadtentwicklungsstrategie neu aufstellt. Sie soll klären, wie die Menschen künftig in Neuwied leben, wohnen und arbeiten und wie sich die Stadtteile weiterentwickeln sollen. Gedacht ist die Strategie als gemeinsamer langfristiger Fahrplan für die Entwicklung der Stadt und ihrer Stadtteile.

Eine Stadtentwicklungsstrategie gibt es in Neuwied bereits seit 2018. Seither hat sich die Stadt verändert, neue Herausforderungen sind hinzugekommen, und Teile der bisherigen Strategie gelten nicht mehr als aktuell. Eine klar formulierte und gemeinsam getragene Zukunftsvision fehlt. Im April 2025 gab der Stadtrat deshalb den Startschuss für den neuen Stadtentwicklungsprozess, der bis zum Frühjahr 2027 weiterentwickelt werden soll.

Fachlich begleitet wird die Arbeit durch ein externes Planungsbüro. Innerhalb der Stadtverwaltung wird sie ebenso abgestimmt wie mit den städtischen Tochtergesellschaften Stadtwerke Neuwied, Servicebetriebe Neuwied und Gemeindliche Siedlungs-Gesellschaft (GSG). Einbezogen werden Politik, Fachöffentlichkeit und insbesondere die Bürgerinnen und Bürger. Sie kennen ihre Stadtteile am besten; ihre Ideen, Erfahrungen und Anregungen sollen in die weitere Stadtentwicklung einfließen.

Ob der „Kastanienhof“ am Ende stärker als klarer Neubau oder mit mehr sichtbaren Spuren des Mittelrheintals daherkommt, wird damit nicht nur eine Frage von Fassaden und Dachformen sein. Am Sohler Weg treffen Wohnungen, Büroflächen, Kita, Fitnessstudio, Tiefgarage und Innenhof auf die größere Frage, wie Neuwied künftig gebaut und erlebt werden will.