Schwarzkopf-Milchling zum Pilz des Jahres 2027 gekürt
Der Schwarzkopf-Milchling ist zum „Pilz des Jahres“ 2027 gekürt worden. Gewählt hat ihn die Deutsche Gesellschaft für Mykologie – einen eher unbekannten Speisepilz, den Spezialisten allerdings seit Langem schätzen. Die Nachricht kommt am 2. Oktober 2026 um 8:00 Uhr von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und passt durchaus in die Jahreszeit: Zwischen feuchtem Waldboden, Fichtennadeln und dem ersten Herbstgeruch beginnt für viele Pilzfreunde die Suche.
Sein braunschwarzer Hut macht den Schwarzkopf-Milchling unverwechselbar. Wegen dieser dunklen Färbung trägt er eine ganze Reihe volkstümlicher Namen: Essenkehrer, Rauchfangkehrer, Rußkopf und Schornsteinfeger. Im Erzgebirge heißt er außerdem „Pasterle“ – vermutlich, weil er an die dunkle Samtrock-und-weißer-Kragen-Tracht eines Pastors erinnert.
Ein Pilz der kühlen Nadelwälder
Der Schwarzkopf-Milchling wächst von August bis Oktober, vor allem in Nadelwäldern der Gebirge. Als besonders geeignete Lebensräume gelten natürliche Fichtenareale. In der norddeutschen Tiefebene kommt er nicht vor. Gerade dieser Lebensraum wird als Besonderheit des Pilzes hervorgehoben.
Sein Vorkommen ist rückläufig, wobei die Entwicklung regional unterschiedlich stark ausfällt. Der Pilz gilt als Verlierer der Klimaerwärmung. In vielen Bundesländern steht er auf der Roten Liste und sollte geschont werden – also lieber stehen lassen, auch wenn der dunkle Hut im Moos noch so neugierig macht.
Wenn Fichten verschwinden, geraten Pilze unter Druck
Trockenheit, steigende Temperaturen und das Baumsterben treffen Pilze auf vielfältige Weise. Viele Arten leben in einer Mykorrhiza-Symbiose mit Bäumen: Das unterirdische Pilzgeflecht liefert dem Baum Nährstoffe, der Baum versorgt den Pilz im Gegenzug mit Zucker. Sterben Bäume oder werden sie stark geschädigt, hat das erhebliche Folgen für die mit ihnen verbundenen Pilze.
Der saarländische Pilzsachverständige Harry Regin beobachtet das besonders bei der Fichte. In Südwestdeutschland sowie unter anderem im Harz und in Ostdeutschland sterben wegen Dürre und Trockenheit viele Fichten. Arten wie der Fichtenreizker finden dadurch zunehmend schlechter geeignete Bäume.
Nach dem Absterben eines Baumes kommt es laut Regin zunächst zu einer „Pilzexplosion“. Ein bis zwei Jahre lang bilden sich besonders viele Fruchtkörper. Die Sporen werden vom Wind verbreitet und können neue Bäume besiedeln. Bleibt die Trockenheit aber bestehen, gerät dieses System aus dem Gleichgewicht: Viele Fichten sind stark geschädigt oder verschwinden, die Sporen finden in der Region oft keine neuen Bäume – und der zugehörige Pilz kann dort aussterben.
Wärme bringt Gewinner und neue Arten
Nicht jeder Pilz verliert durch den Klimawandel. Profiteure gibt es ebenfalls, vor allem unter den Arten, die sich auf Totholz spezialisiert haben. Der Riesenporling verträgt steigende Temperaturen gut und kann sich wegen des zunehmenden Totholzes leichter ausbreiten.
Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie beobachtet außerdem, dass wärmeliebende Pilzarten nach Deutschland einwandern. Arten aus dem Mittelmeerraum oder südlich der Alpen etablieren sich inzwischen nördlich der Alpen. Der essbare Kaiserling wurde unter anderem in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland gefunden.
Mit den Einwanderern kommen auch giftige Arten. Der falsche Wiesen-Champignon breitet sich aus, ähnelt einem Speisepilz und kann Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Beim Sammeln ist das keine Kleinigkeit – ein hübscher Fund im Körbchen kann einem den Abend gründlich verderben.
Eine Pilzsaison mit verschobenem Kalender
Auch der Ablauf der Pilzsaison verändert sich. Nass-warmes Wetter führte in diesem Jahr zu einem frühen Beginn. Allgemein verzögern Hitze und Trockenheit den Start der Sommersaison jedoch zunehmend. Treffen später ausreichend Wärme und Feuchtigkeit zusammen, wachsen die Pilze dafür bis in den Spätherbst.
Wegen der milden Temperaturen können teilweise noch im November Austernseitlinge, Maronenröhrlinge und Steinpilze gesammelt werden. Beim Schwarzkopf-Milchling bleibt das Zeitfenster enger: August bis Oktober, Gebirge, Nadelwald – und bitte nicht in der norddeutschen Tiefebene suchen.
Pilze könnten darüber hinaus eine wichtige Rolle als Kohlenstoffspeicher spielen. Eine Studie der Universität Kapstadt kommt zu dem Ergebnis, dass Wurzelpilze große Mengen CO₂ speichern. Die gespeicherte Menge entspricht umgerechnet mehr als 35 Prozent der jährlichen CO₂-Emissionen des Verkehrs. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass der Einfluss von Pilzen auf Klima und Klimawandel bislang unterschätzt wurde.
Im Wohnungsbau wirkt das zunächst weit weg – zwischen Baugrube, Dämmplatten und Termindruck. Aber auch dort beginnt Nachhaltigkeit nicht erst auf dem Papier: Böden, Bäume und ihre unsichtbaren Lebensgemeinschaften gehören zum Umfeld jedes Bauprojekts. Und irgendwo im kühlen Fichtenwald steht vielleicht ein Schwarzkopf-Milchling, dunkel wie ein Schornsteinfeger, still zwischen den Nadeln.
