Solingens Oberbürgermeister Daniel Flemm (CDU) ist am 6. Oktober 2026 in London, um neue Ideen für die Klingenstadt mitzunehmen. Er nimmt dort an der „Bloomberg LSE European City Leadership Initiative“ teil, einem internationalen Bürgermeisterkongress für europäische Stadtoberhäupter und Verwaltungen.

Aus rund 500 Bewerbungen wurden 30 Städte mit weniger als 500.000 Einwohnern für das Programm ausgewählt. Neben Solingen sind aus Deutschland auch Potsdam und Bergisch Gladbach dabei. Teilnehmer aus 17 Ländern vertreten Städte mit zusammen mehr als zwölf Millionen Einwohnern. Der Austausch- und Entwicklungsprozess läuft bis Sommer 2027; Solingen wird dabei ein Jahr lang wissenschaftlich begleitet, auch Hochschulen sind beteiligt.

Erst die Vision, dann die Investitionen

Solingen hatte sich mit dem Schwerpunkt Innenstadtentwicklung beworben und den Zuschlag erhalten. In London geht es für Flemm um Fachvorträge und Arbeitssitzungen, aber auch um sehr konkrete Fragen: Wie kann die Zukunft der Innenstadt aussehen? Wie lässt sich besserer Wohnraum schaffen? Welche Strategien braucht die wirtschaftliche Entwicklung? Und wie können Digitalisierung, Verwaltungsmodernisierung, Klimaschutz und gesellschaftlicher Zusammenhalt zusammen gedacht werden?

Flemm will zunächst eine Gesamtvision für Solingen entwickeln. Sein Grundsatz lautet nach eigener Aussage: „erst analysieren und dann machen“. Das klingt weniger nach großem Auftritt als nach einer bewussten Bremse – schließlich wolle man nicht erneut Millionen investieren, ohne ausreichende Ergebnisse zu erzielen. Konkrete Auswirkungen der Teilnahme werden laut dem Artikel ohnehin erst in einigen Jahren erwartet.

Die Initiative wurde von Bloomberg Philanthropies angestoßen, der Stiftung des Unternehmers und früheren New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg. Zu den Gesprächspartnern beziehungsweise erfahrenen Kommunalpolitikern im Programm zählen Londons Bürgermeister Sadiq Khan und Bloomberg selbst. Für Solingen ist die Teilnahme kostenlos; laut Stadt werden sämtliche Kosten übernommen, auch Reise und Aufenthalt des Oberbürgermeisters.

Wohnraum, Armut und die Frage nach der Innenstadt

Der Blick richtet sich dabei nicht nur auf Verwaltungsschreibtische. Flemm beschreibt die Solinger Innenstadt als stark von Armut geprägt: Mehr als ein Drittel der Bewohner lebt von Sozialleistungen, entsprechend gering sei die Kaufkraft vor Ort. Seine zentrale Frage: Wie kann die Innenstadt als Wohnort attraktiver werden als der wohlhabendere Speckgürtel rund um Ohligs?

Ein paar Bäume zu pflanzen, reicht aus seiner Sicht nicht. Solche Versuche hätten bisher nichts bewirkt. Gesucht werden deshalb neue Strategien für Stadtentwicklung, Wohnraum und wirtschaftliche Entwicklung – und zwar solche, die später auch in der Solinger Stadtverwaltung funktionieren.

Nach der London-Reise soll dort ein interdisziplinäres Team entstehen. Gemeinsam mit internationalen Experten will es evidenzbasierte Strategien für die zukünftige Stadtentwicklung erarbeiten. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen in die Verwaltung übertragen werden: in bessere Abläufe, zeitgemäßere Dienstleistungen und neue Ansätze für die Entwicklung der Stadt. Ob die Anregungen aus London Solingen konkret weiterhelfen, ist laut Flemm allerdings noch offen.

Beratung aus Mannheim, Wissen aus Berlin und London

Beratend begleitet wird Flemm von Peter Kurz, der von 2007 bis 2023 Oberbürgermeister von Mannheim war. Flemm gehört der CDU an, Kurz der SPD – im Mittelpunkt sollen laut Artikel dennoch fachliche Erfahrungen und Ideen stehen, nicht Parteibücher.

Träger der Initiative sind Bloomberg Philanthropies, die London School of Economics and Political Science (LSE) und die Hertie School in Berlin. Bloomberg Philanthropies engagiert sich weltweit unter anderem für Bildung, Umwelt, staatliche Innovation und öffentliche Gesundheit. Die LSE bringt über ihr Forschungszentrum LSE Cities Wissen zur Zukunft moderner Städte ein, während die Hertie School Fachwissen zu Regierungsführung, Verwaltung und öffentlicher Politik beisteuert.

Ein Blick nach Freiburg zeigt, wie solche Unterstützung praktisch aussehen kann. Die Stadt im Breisgau gründet ein kommunales Innovation Team, kurz i-Team, um gemeinsam mit Verwaltungsmitarbeitenden und zivilgesellschaftlichen Partnern Lösungen für lokale Herausforderungen zu entwickeln. Freiburg ist eine von 18 neuen europäischen Städten in der i-Team-Initiative von Bloomberg Philanthropies.

Das Freiburger Programm ist zunächst auf drei Jahre angelegt und umfasst drei spezialisierte Mitarbeitende. Sie sollen die Stadtverwaltung und zivilgesellschaftliche Partner bei der Entwicklung und Umsetzung von Lösungen unterstützen. Mögliche Einsatzfelder sind Maßnahmen gegen die Folgen zunehmender Hitze oder die Unterstützung beim Aufbau eines urbanen Innovationslabors für den neuen Stadtteil Dietenbach.

Dazu werden Daten gezielt genutzt, Erkenntnisse gesammelt und Beteiligte aus unterschiedlichen Bereichen zusammengebracht. Unterstützung kommt von regionalen und internationalen Experten sowie aus dem Erfahrungsaustausch mit anderen Städten. Laut Bloomberg Philanthropies hat die i-Team-Initiative bislang mehr als 100 Städte in 16 Ländern auf vier Kontinenten erreicht und damit über 100 Millionen Menschen. Hunderte weitere Kommunalverwaltungen seien angeregt worden, eigene Innovationssysteme und -praktiken einzuführen.

Für Solingen steht nun erst einmal London auf dem Programm – und danach viel Arbeit zwischen Rathaus, Hochschulen und Stadtgesellschaft. Die großen Pläne müssen schließlich irgendwann durch die ganz normalen Verwaltungstüren passen.

Quelle: WDR
Quelle: Solinger Nachrichten
Quelle: Kommune21