Stuttgarts Wohnwürfel: Wie sechs Wohnungen aus zwölf Metern Holz entstehen
Zwischen Wohnblöcken aus den 1940er-Jahren steht im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag ein dreistöckiger Würfel aus Holz, obenauf ein Flachdach. Viel Platz braucht er nicht: Die Grundfläche misst zwölf mal zwölf Meter. Trotzdem passen sechs Wohnungen hinein – eine Einzimmerwohnung mit 36 Quadratmetern und fünf Zweizimmerwohnungen mit jeweils 52 Quadratmetern.
Gebaut wurde das Haus in gut einem halben Jahr. Für die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG ist es der Auftakt zu einem größeren Programm: Bis Ende 2028 sollen insgesamt 35 solcher Gebäude entstehen, fünf davon im laufenden Jahr. An acht Standorten sind zusammen 210 Wohnungen mit einheitlichen, kompakten Grundrissen vorgesehen.
Wohnraum aus dem Baukasten
Die SWSG möchte mit den Wohnwürfeln Baulücken schließen und Freiflächen nutzen, die bislang nicht rentabel bebaut werden konnten. Laut SWSG-Geschäftsführer Samir M. Sidgi liegen die Baukosten rund 30 Prozent unter denen konventioneller Bauweise. Landeszuschüsse sollen zudem ermöglichen, die Mieten etwa ein Drittel unter dem lokalen Durchschnitt anzusetzen.
Mit der Umsetzung wurde Nokera beauftragt, ein 2020 gegründetes Unternehmen aus Leipzig, das sich auf serielle Holzhybridbauweise spezialisiert hat. Rund 500 Mitarbeitende beschäftigt Nokera in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das Unternehmen will mit dem Stuttgarter Projekt zeigen, dass serieller Wohnungsbau aus Holz wiederholbar zur Schaffung von Wohnraum eingesetzt werden kann – nicht als einmaliges Experiment, sondern als System.
Die digital geplanten Module entstehen in der Nokera-Fabrik in Möckern bei Magdeburg. Dort werden sie vorgefertigt und anschließend zur Baustelle gebracht. Die Verbindung von Planung, Vorfertigung und Montage soll Kosten- und Planungssicherheit erhöhen. Für die Anwohner hat das ebenfalls einen praktischen Vorteil: Die kurze Montagezeit verringert die Baustellenbelastungen gegenüber konventionellen Bauprojekten. Weniger lang Lärm, weniger lange Lieferverkehre – ganz ohne Baustelle geht es natürlich trotzdem nicht.
Holz, Kreislauf und ein enger Markt
Nokera setzt auf schnelle, kostengünstige und ressourcenschonende Bauprozesse. Dafür erhielt das Unternehmen den Sustainable Impact Award der WirtschaftsWoche in der Kategorie „Enabler für Nachhaltigkeit“. Als Gründe wurden unter anderem Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, klimaneutrale Baukonzepte, Kreislaufwirtschaft, geringere Emissionen und ein reduzierter CO₂-Fußabdruck genannt.
Bei einem Nokera-Projekt mit 167 Wohnungen in Mannheim soll der CO₂-Ausstoß 75 Prozent unter dem deutschen Durchschnitt liegen. Bauteile verbindet das Unternehmen möglichst ohne Verklebungen oder giftige Stoffe. Am Ende der Nutzung sollen sie sich dadurch sortenrein trennen, wiederverwenden oder recyceln lassen. Vermischter Bauschutt soll vermieden werden; Materialien sollen über mehrere Lebenszyklen nutzbar bleiben.
Der Markt für seriellen Modulbau mit Holz oder klimafreundlicheren Betonelementen ist allerdings stark umkämpft. Zu den Wettbewerbern gehören unter anderem Goldbeck, B&O Bau und die Oikos Group mit Bien-Zenker, Hanse Haus und Living Haus. Auch Nokera muss seine Kapazitäten besser auslasten: Die rund 700 Meter lange Fabrik in Möckern ist bisher nicht vollständig belegt.
Der Verwaltungsrat unter dem Gründer Norbert Ketterer berief deshalb den Fertighausmanager Josef Haas. Haas wurde neuer Co-CEO und teilt sich die Unternehmensführung mit Ulrich Schwenken, der im März aus der Autoindustrie zu Nokera kam. Haas kündigte an, dass Nokera ab November stärker durchstarten solle. Die Einheiten Nokera Planning und Nokera Construction sollen Wohngebäude mit bis zu sieben Etagen planen und bauen. Damit bleibt das Unternehmen knapp unter der Hochhausgrenze von etwa 25 Metern, ab der strengere Bauvorschriften gelten.
Eine Bühne für die Branche soll am 2. November 2026 erstmals die Messe „Modular Build“ in Berlin bieten. Sie will serielles, modulares und systemisches Bauen fördern.
Vom Wohnungsneubau bis zur Sanierung
Mit Vonovia arbeitet Nokera an der seriellen energetischen Modernisierung großer Wohnquartiere. Vonovias Bestand von rund 500.000 Wohnungen soll schneller und kostengünstiger energetisch saniert werden, zugleich sollen die Belastungen für Mieter sinken. Erste Projekte laufen in Heidenheim und Langenfeld, jeweils in einem Quartier mit insgesamt 1.000 Wohnungen. Auf Grundlage dieser Erfahrungen sollen weitere Vonovia-Bestände seriell saniert werden.
Die Fassadenelemente von Nokera werden vor Ort in kurzer Zeit montiert. Das klingt nach einem Detail, ist für Bewohner aber schnell spürbar: Gerüste, Handwerker und Absperrungen müssen nicht über Monate den Alltag bestimmen.
In Kassel plant die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, kurz GWG, gemeinsam mit Nokera zwei Wohngebäude auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne. Dort sollen 73 Sozialwohnungen mit ein bis fünf Zimmern entstehen. Die Mietpreisbindung soll 60 Jahre gelten; marktübliche Sozialbindungen laufen häufig nach 25 Jahren aus.
Die Grundsteinlegung erfolgte im Mai. Ende Oktober soll die Montage der Holztafel- und Deckenelemente beginnen. Für Herbst 2027 ist die Fertigstellung vorgesehen, die geplante Bauzeit beträgt rund 17 Monate.
Stuttgart wartet auf die nächsten Würfel
In Stuttgart verläuft der Aufbau der Wohnwürfel laut SWSG weitgehend planmäßig, allerdings mit leichten Verzögerungen. Probleme gab es beim Innenausbau und teilweise wegen notwendiger Nacharbeiten an der Ausführungsqualität. Die offenen Punkte werden laut SWSG gemeinsam mit Nokera bearbeitet.
Für die Auftragsvergabe kooperierte die SWSG mit der Stadtsiedlung Heilbronn, damit sich die serielle Bauweise besser skalieren lässt. In Heilbronn sollen mindestens fünf weitere Holzwürfelhäuser entstehen – auf bisherigen Freiflächen, ohne dass dafür häufig neues Bauland erschlossen werden muss.
Nokera vermarktet das Konzept bundesweit unter dem Namen „Punkthaus EQ12“ und berichtet von hoher Nachfrage. Der Name verweist auf die zwölf mal zwölf Meter große Grundfläche; dahinter steckt also kein geheimnisvoller Bauplan, sondern ein ziemlich nüchterner Würfel.
Holz spielt im modularen und seriellen Bauen zunehmend eine wichtige Rolle. Als nachwachsender Rohstoff lässt es sich präzise zu Wand-, Decken- und Dachelementen oder zu vollständigen Raummodulen vorfertigen. Brettschichtholz, Brettsperrholz und Holzrahmenkonstruktionen kommen auch im mehrgeschossigen Wohnungs- und Objektbau zum Einsatz.
Das vergleichsweise geringe Eigengewicht vieler Holzkonstruktionen kann Transport und Montage erleichtern. Industrielle Vorfertigung ermöglicht zudem eine genaue Abstimmung von Bauteilen, Anschlüssen und technischen Komponenten. In Verbindung mit digitalen Planungsmethoden, standardisierten Prozessen und einem hohen Vorfertigungsgrad entstehen damit viele Einsatzmöglichkeiten im modularen und seriellen Wohnungs- und Objektbau.
Im verbauten Holz bleibt der während des Baumwachstums aufgenommene biogene Kohlenstoff während der Nutzungsdauer gespeichert. Wie die Treibhausgasbilanz eines konkreten Gebäudes ausfällt, hängt dennoch von mehreren Faktoren ab: von der Konstruktion, den eingesetzten Materialmengen, der Herstellung, dem Transport und dem gesamten Lebenszyklus. Der Stuttgarter Würfel ist also nicht bloß eine schnelle Kiste aus dem Werk – sondern Teil eines Bauprozesses, bei dem Planung, Material und späterer Rückbau von Anfang an zusammengedacht werden.
