Seit dem frühen Morgen des 2. Oktober 2026 ist die Bahnstrecke zwischen Hannover und Berlin vollständig gesperrt. Für Reisende beginnt damit eine 14-monatige Geduldsprobe: Die Sanierung soll bis Ende 2027 dauern, auf dem Abschnitt Lehrte–Berlin-Spandau ist die Strecke konkret vom 2. Oktober 2026 bis zum 11. Dezember 2027 abschnittsweise gesperrt.

Fernzüge fahren über Braunschweig und Magdeburg. Dafür brauchen sie etwa 80 Minuten länger. Betroffen sind auch sämtliche Verbindungen zwischen Berlin und Nordrhein-Westfalen, die normalerweise über Hannover rollen. Im Regionalverkehr heißt es vielerorts: raus aus dem Zug, rein in den Ersatzbus. Ein abgestimmtes Verkehrskonzept für Fern- und Regionalverkehr soll die Folgen abfedern; ausfallende Nahverkehrszüge werden durch ein umfangreiches Busangebot ersetzt.

Umwege, neue Halte und ein dichter Baukalender

Wolfsburg wird mindestens bis Jahresende nicht von Fernzügen angefahren. Auch Stendal entfällt als ICE-Halt. Ob das 2027 weiterhin so bleibt, ist noch offen. Magdeburg bekommt dafür drei zusätzliche ICE-Verbindungen – in Richtung Hannover und Nordrhein-Westfalen sowie von und nach Berlin.

Gebaut wird nicht kleckerweise über viele Jahre hinweg, sondern gebündelt innerhalb festgelegter Sperrzeiträume. Einige Abschnitte benötigen eine mehrmonatige Vollsperrung, andere bleiben überwiegend eingleisig befahrbar. Die Deutsche Bahn will so die hochbelastete Verbindung zwischen Lehrte und Berlin in einem Zug abarbeiten – zumindest so weit das bei einem Projekt dieser Größe möglich ist.

Auf 227 Kilometern stehen unter anderem rund 216 Kilometer neue Gleise, 149 auszutauschende Weichen, Arbeiten an Brücken und Durchlässen sowie an Oberleitung, Leit- und Sicherungstechnik auf dem Programm. Außerdem werden 13 Kilometer Lärmschutzwände erneuert. Mehrere hundert Kilometer Weichen, Gleise und Oberleitungen sollen insgesamt modernisiert werden, rund zwei Dutzend Bahnhöfe ebenfalls.

Ein Hauptgrund für die lange Sperrung liegt rund um Stendal: Mehr als 50 Kilometer feste Betonfahrbahn müssen erneuert werden. Die DB begründet den Aufwand mit der grundlegenden Erneuerung des stark belasteten Schienennetzes. Nach Abschluss der Korridorsanierung soll die Strecke zuverlässiger, störungsärmer und pünktlicher sein. Das klingt gut. Bis dahin klingt an den Bahnsteigen vermutlich vor allem das Quietschen der Busbremsen.

Bahnhöfe als Zukunftsbaustellen

25 Bahnhöfe entlang des Korridors sollen zu sogenannten Zukunftsbahnhöfen entwickelt werden. Vorgesehen sind unter anderem bessere Beleuchtung und mehr Barrierefreiheit, etwa durch taktile Leitsysteme und stufenfreie Zugänge. Während der Bauzeit informiert eine interaktive Karte über Bahnhofserneuerungen, Gleise, Lärmschutzwände und weitere Maßnahmen. Einzelne Arbeiten lassen sich dort ein- und ausblenden; ergänzende Erklärvideos zeigen, worum es bei den Eingriffen geht.

Die Karte ordnet die Informationen nach Fernverkehr, Regionalverkehr, Busersatzverkehr, Modernisierung der Bahnhöfe, Bauarbeiten, Umleitungen für den Güterverkehr und Hinweisen für Anwohnende. Gerade für Anwohnende dürfte der Hinweis auf Lärmschutzwände nicht nebensächlich sein – Baustellen haben schließlich nicht nur einen Fahrplan, sondern auch Geräusche.

Der Korridor verbindet Nordrhein-Westfalen und Berlin sowie große Ballungsräume im Westen und Osten Deutschlands. Für Personen- und Güterverkehr ist die Strecke deshalb von hoher verkehrlicher und wirtschaftlicher Bedeutung. Langfristig geplante Umleitungen sollen den Verkehr von Reisenden und Güterverkehrsunternehmen während der Bauarbeiten ermöglichen. Güterzüge müssen wegen der Sperrungen allerdings häufig noch längere Umwege fahren als der Fernverkehr.

Warum die Strecke komplett gesperrt wird

Die DB verweist auf eine überalterte und unterfinanzierte Infrastruktur und jahrelang aufgestaute Investitionen. Die zunehmenden Qualitätsprobleme seien im täglichen Bahnbetrieb deutlich spürbar. Bund und DB wählten die Korridore nach Verkehrsbelastung, Zustand der Infrastruktur und Baubedarf aus. Die betreffenden Streckenabschnitte sind durch eine Novelle des Bundesschienenwegeausbaugesetzes gesetzlich verankert; der Korridor Lehrte–Berlin gehört außerdem zum transeuropäischen Schienennetz.

Ursprünglich sollten Fernzüge ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2026 über die parallel verlaufende Lehrter Stammbahn fahren. Doch deren Elektrifizierung verzögert sich und soll erst im Dezember 2027 abgeschlossen sein. Der geplante Ausweichweg kommt damit für den entscheidenden Zeitraum nicht rechtzeitig.

Die Sanierung gehört zum Generalsanierungsprogramm der Deutschen Bahn. Bis weit in die 2030er Jahre sollen mehr als 40 stark befahrene Korridore umfassend modernisiert werden. Für diese Generalsanierungen werden die jeweiligen Strecken vollständig gesperrt. Frühere Großsanierungen, etwa an der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim sowie an der Strecke Hamburg–Berlin, waren nach ungefähr sechs Monaten abgeschlossen.

Bei früheren Projekten wurde die Bahn dafür kritisiert, die Sperrzeiten nicht umfassend für die digitale Ausrüstung der Strecken zu nutzen. Auch Berlin–Hannover wird laut DB nicht vollständig digitalisiert: Nur sechs von 25 Stellwerken sollen digitalisiert und für das Zugleitsystem ETCS vorbereitet werden. Der Verband „Die Güterbahnen“ kritisiert das Konzept der Generalsanierungen seit Jahren.

Ein Programm für das gesamte Netz

Die DB plant die Modernisierung des deutschen Schienennetzes, um Leistungsfähigkeit und Pünktlichkeit im Personen- und Güterverkehr zu erhöhen. Im Mittelpunkt stehen stark genutzte Hochleistungskorridore, die für Stabilität und Verfügbarkeit des gesamten Netzes wichtig sind. Das Programm gilt als größtes Infrastrukturprogramm seit der Bahnreform 1994.

Begonnen hat die Generalsanierung mit der Riedbahn zwischen Frankfurt am Main und Mannheim. 2025 sollten die Strecken Hamburg–Berlin und Emmerich–Oberhausen folgen. Bis 2030 will die DB jährlich mindestens zwei weitere Korridore sanieren. Insgesamt sollen bis 2030 40 hochbelastete Streckenabschnitte bearbeitet werden; das Programm umfasst den Ausbau eines 9.000 Kilometer langen Hochleistungsnetzes.

Ausgewählt werden die Strecken gemeinsam mit Bund, Behörden, Eisenbahnverkehrsunternehmen, Aufgabenträgern und Verbänden. Ziele sind höhere Leistungsfähigkeit und Pünktlichkeit, zusätzliche Kapazitäten für Personen- und Güterverkehr sowie mehr Flexibilität im Fern-, Nah- und Güterverkehr. Gebündelt erneuert werden Gleise, Weichen, Oberleitungen und die Ausrüstung für den digitalen Bahnbetrieb. Während der Sperrungen sollen auch Bahnhöfe umfassend renoviert, modernisiert und barrierefrei ausgebaut werden.

Zum weiteren Programm gehören der Abbau des Investitionsstaus und die Ertüchtigung des Flächennetzes, zusätzliche Überleitstellen und Weichen, eine dichtere Signalisierung für mehr Stabilität und ein besseres Zugangebot sowie der deutschlandweite Ausbau des European Train Control System, kurz ETCS. Gezielter Strecken-Aus- und Neubau soll Engpässe beseitigen und den Deutschlandtakt unterstützen. Nach Angaben der DB kann ETCS im bestehenden Netz bis zu 30 Prozent mehr Kapazität ermöglichen.

Die 2024 vorgesehene Generalsanierung der rund 70 Kilometer langen Riedbahn zwischen Frankfurt am Main und Mannheim betrifft eine Verbindung, die täglich von etwa 300 Zügen des Fern-, Güter- und Nahverkehrs genutzt wird. Als stark belastetes Nadelöhr beeinflusst sie den Betrieb im gesamten Schienennetz. Für das Gesamtprogramm wurde gemeinsam mit Bund, Behörden, Eisenbahnverkehrsunternehmen und Aufgabenträgern ein Sanierungsplan für 4.200 Streckenkilometer erarbeitet; maßgeblich für die Priorisierung sind Auslastung und Zustand der Strecken.

DB Engineering & Consulting ist dabei unter anderem an Planung, Bauüberwachung, Prüfungen, Begutachtungen sowie Umwelt- und Geoservices beteiligt. Auf der Strecke zwischen Hannover und Berlin beginnt derweil der erste lange Tag ohne direkte Zugfahrt. Busse stehen bereit, Umleitungen sind eingerichtet, und irgendwo zwischen Lehrte und Spandau wartet die nächste Baustellenkolonne.