98 modernisierte S-Bahnen im Rhein-Main-Gebiet bleiben ohne WC
Im Regionalverkehr kann eine Stunde ganz schön lang werden, besonders wenn unterwegs kein WC erreichbar ist. Viele S-Bahnen in Deutschland fahren trotzdem ohne Toiletten – auch auf Verbindungen, die deutlich länger als eine Stunde dauern können. Der Zug rattert, die Türen zischen, und irgendwann stellt sich bei manchen Fahrgästen nur noch eine Frage: Wo ist das Klo?
Im Rhein-Main-Gebiet werden 98 modernisierte S-Bahnen der Baureihe ET 430 weiterhin ohne WC eingesetzt. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) modernisiert damit knapp 100 S-Bahnen. Die Züge bekommen eine neue Außenfarbe in Weiß, Blau und Grün statt Rot, umgestaltete Innenräume, mehr Steckdosen und größere Bildschirme beziehungsweise Displays. Eine separate 1. Klasse gibt es danach nicht mehr. Toiletten werden hingegen nicht eingebaut.
Mehr Platz für Fahrgäste statt WC
Der RMV begründet die Entscheidung mit dem Platzangebot und einem schnelleren Fahrgastwechsel. Neue Einstiegsbereiche, größere Bildschirme, zusätzliche Steckdosen und der Wegfall der ersten Klasse sollen Raum schaffen; die Kapazität steigt nach Angaben des Verbunds um rund 15 Prozent. Eine Toilette würde zusätzliche Fläche beanspruchen und dem Ziel widersprechen, mehr Menschen pro Fahrzeug unterzubringen.
Auch die durchschnittliche Fahrzeit führt der RMV ins Treffen: Mit der S-Bahn seien die Fahrgäste im Schnitt etwa 15 Minuten unterwegs. S-Bahnen dienten vor allem dazu, viele Menschen auf kurzen Strecken zu befördern. Der Toilettenbedarf sei deshalb nicht mit dem Regionalzugverkehr vergleichbar.
Viele Nutzerinnen und Nutzer der hessenschau sehen das anders und kritisieren, dass in den neuen Zügen keine Toiletten vorgesehen sind. Dazu kommt: Auch an S-Bahn-Stationen gebe es häufig keine WCs, wenden Fahrgäste ein. Manche Pendler seien außerdem deutlich länger unterwegs. Als Beispiel wird die Verbindung von Dietzenbach nach Frankfurt genannt, bei der die angegebene durchschnittliche Fahrzeit von 15 Minuten aus Sicht eines Nutzers nicht zutreffe.
73 Kilometer ohne Bordtoilette
Im RMV-Gebiet gibt es tatsächlich lange Linien. Die S1 von Wiesbaden nach Rödermark-Ober-Roden ist etwa 73 Kilometer lang. Die S8 von Wiesbaden nach Hanau braucht rund 70 Minuten. Da kann sich eine kurze Durchschnittszeit auf dem Papier schnell ziemlich weit weg anfühlen.
Deutschlandweit ist die Ausstattung uneinheitlich. In der S-Bahn Rhein-Neckar haben die Züge der Baureihe 425 jeweils ein WC; bei der Modernisierung werden diese Toiletten erneuert. Im Rhein-Ruhr-Gebiet verfügen unter anderem die Coradia-Continental-Züge der S8, die Fahrzeuge der S7 und neuere FLIRT-Züge mehrerer Linien über Toiletten. Die ET-422-Züge auf den Linien S1 und S4 haben dagegen keine.
Auch S-Bahnen in Nürnberg und Mitteldeutschland sind mit Toiletten ausgestattet. Im Rheinland sollen neue S-Bahnen ab 2029 jeweils ein WC in den Endwagen erhalten. Es geht also nicht um eine einheitliche Regel für alle Netze – je nach Fahrzeug und Region sieht die Sache ganz anders aus.
Berliner S7 als lange Ausnahme
Berliner S-Bahnen haben keine Toiletten. Das fällt auf der S7 besonders ins Gewicht: Sie verbindet Ahrensfelde und Potsdam über 47,3 Kilometer und benötigt rund 71 Minuten. Wer unterwegs dringend muss, bleibt auf Bahnhofstoiletten angewiesen. Die Berliner S-Bahn bietet dafür eine WC-Suche für ihre Stationen an – praktisch, sofern gerade eine passende Toilette geöffnet und erreichbar ist.
Im Rhein-Main-Gebiet bleibt es bei den modernisierten ET 430 also bei Steckdosen, Displays, neuen Einstiegsbereichen und mehr Platz für Sitz- und Stehplätze. Der rote Zug verschwindet aus dem Bild, das WC bleibt draußen. Für eine kurze Fahrt mag das kaum auffallen. Wer aber zwischen Wiesbaden, Hanau, Dietzenbach oder Rödermark-Ober-Roden pendelt und dabei im vollen Wagen steht, schaut vermutlich öfter auf die nächste Station als auf den größeren Bildschirm.
