Am späten Mittwochabend ist im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld eine gefährliche Weltkriegsbombe entschärft worden. Die 500 Pfund schwere englische Fliegerbombe lag direkt am Bahnhof Diebsteich – nahe der Baustelle, auf der der neue Bahnhof Altona entsteht. Entdeckt wurde sie am 10. September 2026 gegen 15:15 Uhr bei Bauarbeiten an der Schleswiger Straße/Plöner Straße. Dabei war die Bombe offenbar bewegt worden.

Der chemische Langzeitzünder machte den Fund so brisant. Es ließ sich nicht ausschließen, dass er aktiviert worden war; damit bestand akute Explosionsgefahr. Für die Entschärfung richtete die Polizei einen Sperrradius von 400 Metern ein. Rund 2.500 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Lautsprecherwagen und Einsatzkräfte, die direkt mit den Anwohnerinnen und Anwohnern sprachen, informierten über die Räumung.

Evakuierung rund um die Baustelle

Gegen 21:30 Uhr war die Evakuierung abgeschlossen. Drei Notunterkünfte mit Feldbetten standen bereit, eingerichtet in Schulen und einer Halle; sie waren auch per Shuttle erreichbar. Im Warnbereich mit einem Radius von 1.000 Metern sollten sich etwa 20.000 weitere Menschen in ihre Wohnungen zurückziehen, hintere Räume aufsuchen, Fenster und Glastüren meiden sowie Fenster und Türen geschlossen halten. Die Polizei forderte per Lautsprecherdurchsagen dazu auf, nicht ins Freie zu gehen und Abstand zu Fenstern und Türen zu halten.

Anschließend begann der Kampfmittelräumdienst der Feuerwehr mit der Entschärfung. Zunächst war mit einem mehrstündigen Einsatz gerechnet worden. Den Zünder entfernten die Spezialisten durch gezielte Schnitte mit einem starken Wasserstrahl. Kurz nach 22 Uhr war die Bombe entschärft; gegen 22:55 Uhr meldete die Feuerwehr, dass auch alle Sperrungen aufgehoben seien. Der Einsatz von Feuerwehr und weiteren Hilfsorganisationen endete gegen 23 Uhr. Die Feuerwehr war mit 120 Kräften beteiligt.

Stillstand auf Schienen

Für den Bahnbetrieb war der Mittwoch entsprechend mühsam. Die S-Bahn-Linien S1, S2, S3 und S5 waren betroffen, zwischen Pinneberg und Altona fuhren Ersatzbusse für Fernreisende. Für S-Bahn-Fahrgäste im Raum Altona setzte die Deutsche Bahn Taxis ein. Regionalzüge, unter anderem nach Kiel und Flensburg, fielen aus; die Bahn warnte außerdem vor weiteren Ausfällen und Verspätungen im Fernverkehr.

Die Verbindungsbahn zwischen dem Bahnhof Altona und dem Hamburger Hauptbahnhof blieb gesperrt. Fern- und Regionalzüge aus Richtung Süden endeten vorzeitig am Hauptbahnhof oder in Hamburg-Harburg. Am frühen Donnerstagmorgen, dem 8. Oktober 2026, lief der Bahnverkehr wieder regulär, der gesamte Bahnverkehr war wieder freigegeben.

Während der Entschärfung hielten sich allerdings 19 Erwachsene auf den S-Bahn-Gleisen zwischen Diebsteich und Ottensen auf. Nach Hinweisen von Zeuginnen und Zeugen fand die Bundespolizei die Gruppe mithilfe einer Wärmebildkamera und führte sie aus dem Gleisbereich. Die Personen erklärten, sie hätten wegen der Sperrmaßnahmen nicht zu ihrem Hotel gelangen können und deshalb den Weg über die Gleise genommen.

Die Bundespolizei stellte klar: Das Betreten der Gleise ist wegen der Stromschienen lebensgefährlich – auch dann, wenn gerade kein Zug fährt. Ein kurzer Weg kann dort sehr schnell zum bitteren Ernst werden.

Warum solche Funde zum Baualltag gehören

Mehr als 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg werden in Hamburg regelmäßig Fliegerbomben gefunden. Bei Bauarbeiten stoßen Fachleute häufig durch Sondierungen auf die Relikte. Für Bauherren gehört deshalb die vorsorgliche Untersuchung eines Grundstücks zum möglichen Aufwand eines Projekts; finanziert wird sie von den Grundstückseigentümern.

Die zivile Kampfmittelbeseitigung dient der Gefahrenabwehr und der Sicherung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. In der Bundesrepublik verfügt jedes Bundesland über einen eigenen Kampfmittelräumdienst; heute bestehen erneut in jedem Land eigene Strukturen. Nach dem Krieg hatten zunächst die alliierten Besatzungsmächte diese Aufgabe übernommen, ab etwa 1950 waren dafür Dienste der einzelnen Bundesländer zuständig. In der DDR gab es einen staatlichen, territorial gegliederten Munitionsbergungsdienst.

Als Kampfmittel gelten nach den bundesweiten baufachlichen Richtlinien militärische Gegenstände und Stoffe, die herrenlos geworden sind, ebenso Gegenstände mit chemischen Kampf-, Nebel-, Brand- oder Reizstoffen, Explosivstoffe und ihre Rückstände sowie Kriegswaffen oder wesentliche Teile davon. Die Vernichtung überzähliger Munitionsbestände zählt dagegen nicht zur Kampfmittelbeseitigung.

Am Anfang stehen meist historische Erkundungen: Archive werden nach Berichten über Kampfhandlungen, Bombardierungen und frühere Funde durchsucht, Luftbilder vor, während und nach Angriffen ausgewertet und, falls nötig, Untersuchungen vor Ort durchgeführt. Daraus entstehen eine Gefährdungsabschätzung und – wenn eine Fläche beräumt werden soll – ein Räumkonzept. Darin werden unter anderem mögliche Tiefenlagen, Boden- und Grundwasserverhältnisse, die Eigenschaften der erwarteten Kampfmittel und die geplante Nutzung des Grundstücks berücksichtigt.

Bei der eigentlichen Suche kommen geophysikalische Detektoren zum Einsatz, etwa Magnetometer, elektromagnetische Suchgeräte und Bodenradar. Festgestellte Anomalien werden freigelegt, identifiziert und, sofern möglich, geborgen. Nicht handhabungssichere Kampfmittel müssen entschärft werden. Ist das nicht möglich, werden sie am Fundort gezielt gesprengt oder auf andere Weise unschädlich gemacht. Wie genau eine Entschärfung abläuft, hängt von Art und Zustand des Kampfmittels ab und wird üblicherweise nicht veröffentlicht – in Bahrenfeld war der starke Wasserstrahl das Mittel der Wahl.

Geborgene Kampfmittel kommen in ein Zwischenlager, werden dort zerlegt und durch gezielte Sprengungen oder thermisch, also durch Vernichtung beziehungsweise Ausbrennen des Sprengstoffs, zerstört. Die ungefährlichen Hüllen, meist aus Stahl, können als Schrott verwertet werden. Staatliche Stellen übernehmen üblicherweise Erkundung und Gefährdungsabschätzung, private Fachfirmen führen überwiegend die Räumung durch. Abtransport und Vernichtung liegen wiederum bei staatlichen Stellen.

Die Kosten teilen sich Grundstückseigentümer, Bundesland und Bund nach den jeweiligen Regeln. Das Land trägt Gefahrenabwehrmaßnahmen wie Entschärfung, Abtransport und Vernichtung; der Bund beteiligt sich, wenn die Gefahr von ehemals reichseigenen Kampfmitteln ausgeht. Wegen des Föderalismus gelten bei der Finanzierung je nach Bundesland unterschiedliche Vorgaben.

Beim Niedersächsischen Landesamt für Bau und Liegenschaften ist die Leitstelle des Bundes für Kampfmittelräumung angesiedelt. Sie berät Länder und Bundesliegenschaftsverwaltungen bei Fachkonzepten und Genehmigungsverfahren, entwickelt Datenverarbeitungskonzepte, baut zentrale Datenbanken auf und pflegt sie, übernimmt Qualitätskontrolle und Qualitätsmanagement, erstellt Arbeitshilfen und Handlungsanweisungen und führt Schulungen durch.

Räumung und Abwehr – nicht dasselbe

Im militärischen Bereich heißt der zivile Begriff Kampfmittelbeseitigung Kampfmittelabwehr. Die Bundeswehr versteht darunter Maßnahmen gegen Gefahren durch nicht explodierte Kampfmittel, damit die Einsatzbereitschaft erhalten bleibt. Ausgebildet wird zentral an der Kampfmittelabwehrschule in Stetten am kalten Markt.

Unterschieden wird zwischen Kampfmittelabwehr leicht/mittel, die der zivilen Kampfmittelbeseitigung ähnelt, und der schweren Kampfmittelabwehr in der Pioniertruppe, die eher der Kampfmittelräumung entspricht. Militärische Kampfmittelräumung umfasst Erkundung, Suche, Identifizierung und Vernichtung bestimmter Kampfmittel, auch mit Spreng- und Minenräumverfahren. Sie dient vor allem der Unterstützung eigener Bewegungen und Einsätze; Schäden in der Umgebung können dabei in Kauf genommen werden.

Militärische Kampfmittelbeseitigung meint dagegen das umfassende Unschädlichmachen, Bergen und endgültige Beseitigen nicht explodierter Kampfmittel sowie behelfsmäßiger Sprengvorrichtungen. Schäden in der Umgebung sollen grundsätzlich vermieden werden. Genau darin liegt der Kernunterschied: Räumung kann die Zerstörung durch Sprengung einschließen, Beseitigung zielt vorrangig auf eine Entschärfung ohne größere Sekundärschäden.

International sind dafür die Abkürzungen EOD – Explosive Ordnance Disposal –, IEDD – Improvised Explosive Device Disposal – und EOR – Expl