Seit einem Jahr steht Evelyn Palla an der Spitze der Deutschen Bahn. In dieser Zeit hat die Konzernchefin mehrere Maßnahmen angestoßen – und zum einjährigen Amtsjubiläum wurde außerdem ein Geschenk angekündigt, von dem Familien profitieren sollen.

Die Freude darüber dürfte bei vielen Reisenden allerdings gedämpft ausfallen. Zugverspätungen und zahlreiche Baustellen werden sie voraussichtlich noch längere Zeit begleiten. Palla steht deshalb weiterhin unter Druck.

Mehr Verantwortung vor Ort

Deutliche Worte findet Palla für die frühere Führungskultur der Bahn. Sie kritisiert eine „organisierte Verantwortungslosigkeit“ im Konzern. Wesentliche Entscheidungen seien häufig zentral in der Konzernleitung getroffen worden, während die Verantwortung für die Umsetzung bei den Beschäftigten in den Regionen gelegen habe. Wenn etwas schiefging, schoben sich Zentrale und regionale Einheiten gegenseitig die Verantwortung zu.

Auch wiederholte Zielverfehlungen hätten in der Vergangenheit kaum Konsequenzen gehabt. Oft hätten Erklärungen dafür genügt, warum ein Ziel nicht erreicht worden war. Nach Pallas Einschätzung hatte die Bahn daher kein Erkenntnis-, sondern über lange Zeit ein Umsetzungsproblem. Die bisherige Leistungskultur habe für die notwendige Leistungsfähigkeit des Konzerns nicht ausgereicht.

Seit ihrem Amtsantritt im Oktober 2025 hat Palla die Bahn umgebaut und verschlankt. Zugleich führte sie ein Führungsprinzip ein, das stärker auf dezentrale Verantwortung setzt. Eine nachhaltige Veränderung brauche ein anderes Management und eine neue Unternehmenskultur, in der Verantwortung vor Ort tatsächlich übernommen werde.

Ihre Kritik richte sich ausdrücklich nicht gegen Zugbegleiter, Lokführer, Fahrdienstleiter, Gleisarbeiter und Disponenten, betonte Palla. Diese Beschäftigten müssten täglich mit Störungen umgehen, improvisieren und den Bahnbetrieb trotz aller Widrigkeiten aufrechterhalten. Das klingt nach Schichtbeginn bei Regen, einem Funkgerät voller Meldungen und dem nächsten Problem, das schon wieder irgendwo auf der Strecke wartet.

Bei der Pünktlichkeit bleibt Geduld gefragt

Im ersten Halbjahr 2026 waren 58,7 Prozent der Fernzüge pünktlich. Palla bezeichnete diesen Wert als nicht gut. Immerhin betrug die Verspätung in rund drei Viertel der Fälle weniger als 15 Minuten – für Reisende mit Anschlusszug kann aber auch das schon reichen, damit der ganze Plan kippt.

Schnelle Verbesserungen bei der Pünktlichkeit versprach die Bahnchefin nicht. Zu viele Störungen im Schienennetz und viele Baustellen bremsen den Betrieb weiterhin aus. Eine grundlegende Verbesserung hängt laut Palla davon ab, wie schnell das Netz saniert wird. Das werde längere Zeit dauern.

Zum 200-jährigen Bahn-Jubiläum im Jahr 2035 soll nach Pallas Aussage das Gröbste der Sanierung bewältigt sein. Bis dahin bleibt also noch einiges zu tun – und bis dahin werden Reisende wohl weiterhin Verspätungsanzeigen studieren, Gleiswechsel suchen und hoffen, dass der Anschluss nicht gerade abfährt.

Bauen im Takt soll Baustellen besser planbar machen

Ein Ansatz dafür ist das Programm SB² – Bauen im Takt. Es entwickelt Sperrzeiten-Container für standardisierte Bau- und Instandhaltungsfenster im Fahrplan. Ein zentraler Hebel besteht darin, Container für Investitionsmaßnahmen von vornherein in den Netzfahrplan einzuplanen. Ziel ist, die Baubetroffenheit der Züge bis 2027 gegenüber 2023 um 30 Prozent zu senken.

Die Instandhaltungs-Container werden seit Juni 2024 umgesetzt. Mehr als 80 Prozent der Instandhaltungsarbeiten an Strecken, Knoten, S-Bahnen und zur Prävention werden bereits getaktet durchgeführt. Im ersten Halbjahr 2025 stieg der Anteil der taktkonform durchgeführten Instandhaltungsmaßnahmen auf 85 Prozent.

Weil Instandhaltungsmaßnahmen in den Containern gebündelt werden, erhöhte sich deren Belegungsgrad stabil auf 70 Prozent. Im zweiten Halbjahr 2025 sollte die Container-Taktung in Abschnitten mit gutem Netzzustand auf acht Wochen angepasst werden. Dadurch soll der Belegungsgrad weiter steigen; angestrebt sind 80 Prozent.

Für Ende 2025 wurde erwartet, dass die Baubetroffenheit der Zugverkehre von Eisenbahnverkehrsunternehmen gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent niedriger liegt. Die Vorbereitungen für Investitions-Container im Netzfahrplan 2027 sind abgeschlossen, die dafür vorgesehenen Sperrzeiten wurden in den Netzfahrplan aufgenommen.

Ob das auf der Strecke irgendwann nach weniger Baustellen, weniger Improvisation und etwas weniger Warten am Bahnsteig aussieht, wird sich zeigen. Die Schienen bleiben jedenfalls noch eine Weile im Umbau.