Deutsche Bahn im Verspätungsstau: Kölns Hauptbahnhof ist Deutschlands unpünktlichster Fernverkehrsknoten
Wer dieser Tage in einen Fernzug steigt, braucht neben dem Ticket mitunter auch Geduld. Am 7. Oktober 2026 ist die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn auf einem neuen Tiefpunkt angekommen: Im September erreichten nur 52,4 Prozent der Fernverkehrszüge ihr Ziel pünktlich. Im August waren es noch 54,2 Prozent.
Als pünktlich gilt ein Fernzug bei einer Verspätung von weniger als sechs Minuten. Ab sechs Minuten führt die Bahn ihn als verspätet. Für Reisende macht das in der Praxis oft keinen großen Unterschied – der Anschluss ist weg, der Kaffee am Bahnsteig längst kalt, und der nächste Zug wird zur Zitterpartie.
Baustellen, Störungen und volle Korridore
Die Bahn verweist auf umfangreiche Bauarbeiten an Verkehrsknoten und Hauptrouten, eine weiterhin hohe Zahl von Anlagenstörungen und die besonders starken Auswirkungen auf den langlaufenden Fernverkehr. Schon 2022 hatte die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr noch 80,9 Prozent betragen.
Auch der ungeprüfte Konzern-Zwischenlagebericht zeigt für das erste Halbjahr 2026 ein schwieriges Bild. Die Pünktlichkeit im deutschen Schienenverkehr sank trotz des Ziels einer Stabilisierung. Im DB-Konzern Schiene in Deutschland lag sie bei 87,4 Prozent, nach 87,9 Prozent im ersten Halbjahr 2025 und 89,4 Prozent im Gesamtjahr 2025. Der DB-Schienenpersonenverkehr kam auf 87,5 Prozent, verglichen mit 88,0 Prozent und 89,5 Prozent. DB Fernverkehr erreichte 58,7 Prozent; im ersten Halbjahr 2025 waren es 60,1 Prozent, 2025 insgesamt 63,4 Prozent.
Bei DB Regio betrug die Quote 88,2 Prozent, nach 88,7 Prozent im ersten Halbjahr 2025 und 90,2 Prozent im Gesamtjahr. DB Cargo Deutschland kam auf 64,5 Prozent, nach 67,7 beziehungsweise 67,8 Prozent. Die Reisendenpünktlichkeit im DB Fernverkehr lag bei 63,2 Prozent; die Vergleichswerte lauten 65,5 Prozent und 68,7 Prozent.
Hinter den Zahlen steckt ein ziemlich verheddertes Netz. Überalterte und überlastete Infrastruktur verursachte Störungen an Altstellwerken, im Oberbau und an Bahnbrücken. Zahlreiche Langsamfahrstellen bremsten den Betrieb zusätzlich. Modernisierungen, vor allem im Rahmen der Korridorsanierungen, schränkten Kapazitäten ein, belasteten Umleiterstrecken und verlängerten Fahrzeiten. Kurzfristig nötige Bauarbeiten machten die Planung noch komplizierter.
Gleichzeitig konzentrierte sich das Verkehrswachstum auf ohnehin stark beanspruchte Korridore. Zugfolgeverspätungen übertrugen sich dadurch ins gesamte Netz; die Staueffekte erreichten im ersten Halbjahr ein Rekordniveau. Dazu kamen extreme Wetterlagen: Ein massiver Wintereinbruch zu Jahresbeginn erhöhte bundesweit die Infrastrukturstörungen, eine Hitzeperiode im Juni führte unter anderem zu mehr Anlagenstörungen. Der Bahnbetrieb wurde während der kritischen Wetter- und Betriebsphasen weitgehend aufrechterhalten, und Reisende sollten bestmöglich unterstützt werden.
Nach dem schwierigen Jahresbeginn stabilisierte sich die Pünktlichkeit zunächst bis zur Hitzewelle in den folgenden Monaten. Dann wurde es wieder zäh. Wer am Bahnsteig steht, merkt solche Entwicklungen nicht als Statistik, sondern am Blick auf die Anzeigetafel.
Köln besonders weit hinten
Das Onlineportal „ImTakt“ untersuchte die Pünktlichkeit an Bahnhöfen im Zeitraum von Juni bis August 2026. Der Kölner Hauptbahnhof war dabei der unpünktlichste untersuchte Bahnhof: Nur 34,0 Prozent der Fernzüge waren pünktlich. In Düsseldorf lag die Quote bei 38,2 Prozent, in Duisburg bei 39,6 Prozent. Die drei Bahnhöfe mit den niedrigsten Werten liegen damit in Nordrhein-Westfalen.
Der Berliner Hauptbahnhof kam auf 43,3 Prozent pünktliche Fernzüge und lag im unteren Mittelfeld. Besser schnitten Nürnberg mit 53,1 Prozent, Frankfurt am Main Flughafen mit 52,6 Prozent und Göttingen mit 49,8 Prozent ab. „Besser“ ist hier allerdings ein dehnbarer Begriff – auch 49,8 Prozent lassen Reisende nicht gerade entspannt auf die Uhr schauen.
Die Krise der Deutschen Bahn hängt laut der Einordnung durch die Tagesschau mit maroder und störanfälliger Infrastruktur zusammen. Besonders der Fernverkehr ist betroffen: 2025 kamen 60,1 Prozent der ICE und IC pünktlich am Ziel an, 2024 waren es 62,5 Prozent. 2015 hatte die Quote noch 74,4 Prozent betragen. Als Ursachen nennt die Bahn zahlreiche Baustellen im maroden Schienennetz sowie überlastete Fernverkehrsknoten, an denen sich Züge wiederholt stauen. Ein Bahnsprecher bestätigte die Pünktlichkeitszahlen für 2025.
Mehr Puffer, digitale Befehle
Um die Zuverlässigkeit zu verbessern, wird das Kommunikationsverfahren zwischen Zugverkehrssteuerung und Triebfahrzeugführer:innen mit dem „Digitalen Befehl“ digitalisiert. Außerdem beschloss die Taskforce zuverlässige Bahn 22 möglichst kurzfristig umsetzbare Maßnahmen auf Grundlage der „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“. Dazu gehören Schritte zur Stabilisierung stark belasteter Knoten.
Auf ausgewählten Strecken gibt es seit dem Fahrplanwechsel 2025/2026 einen zusätzlichen zeitlichen Puffer, die sogenannte „Pufferminute“. Ab 2027 sollen weitere Strecken folgen. Auch die Flex-Abfahrten sollen ausgeweitet werden – ein kleiner Eingriff im Fahrplan, der im besten Fall irgendwo zwischen Weiche, Stellwerk und Anschluss noch Luft verschafft.
Bei der Qualitätsoffensive Hamburg–Hannover wurden von Mai bis Juli 2026 Bahnhöfe, Gleise, Weichen, Brücken und Oberleitungen modernisiert. Ziel war eine kurzfristige Verbesserung der Infrastruktur und der Betriebsqualität.
Auf der Nord-Süd-Verbindung in Bayern ist seit Ende Februar 2026 zwischen Petershausen und Rohrbach auf der Strecke München–Ingolstadt eine erweiterte Linienförmige Zugbeeinflussung, kurz LZB, in Betrieb. Sie überwacht Geschwindigkeit und Zugabstände kontinuierlich. Dadurch wurde die zulässige Geschwindigkeit dort von 160 auf 190 km/h erhöht.
Auch bei den Stellwerken soll es besser laufen. Zusätzliche Einstellungen sowie Ausbildung und Qualifizierung verbesserten die Personalsituation. So sollen Verspätungen und Angebotsausfälle wegen Personalmangels zurückgehen.
23 Milliarden Euro und ein Reformkurs
Die Bahn hat eine neue Phase mit einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit angekündigt. Dafür sind 2026 Investitionen des Bundes in Höhe von 23 Milliarden Euro vorgesehen. Zusätzlich soll der von Bahnchefin Evelyn Palla eingeleitete Reformkurs umgesetzt werden. Palla hatte im Herbst angekündigt, zunächst die Kennzahlen zu stabilisieren.
Für 2026 strebt sie mindestens 60 Prozent Pünktlichkeit an. Im September lag der Fernverkehr mit 52,4 Prozent deutlich darunter. Am Kölner Hauptbahnhof blieben im Sommer sogar zwei von drei untersuchten Fernzügen unpünktlich – während auf den Anzeigetafeln weiter die nächste Verbindung blinkt und irgendwo im Hintergrund schon wieder eine Weiche Ärger macht.
