Im Bahnbau wächst der Druck auf die Deutsche Bahn. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) sagte am 26. September 2026 gegenüber dem „Spiegel“, er sei mit dem Sanierungstempo „überhaupt nicht zufrieden“. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Korridorsanierungen, bei denen Gleise, Weichen sowie Bahn- und Sicherheitstechnik modernisiert werden.

Für Pendler ist die Rechnung bislang oft bitter: monatelange Sperrung, Umleitungen, volle Ersatzbusse – und danach kaum spürbare Verbesserung. „Es sei nicht vermittelbar“, dass Pendlerstrecken lange gesperrt würden, sich die Situation anschließend aber nicht verbessere, sagte Bilger. Sein Ziel bleibt dennoch ambitioniert: Bis 2029 sollen 70 Prozent der Fernzüge pünktlich sein. Zuletzt lag die Pünktlichkeit im Fernverkehr meist zwischen 50 und 60 Prozent.

Vollsperrung statt Betrieb neben der Baustelle

Bei einer Korridorsanierung wird ein stark belasteter Streckenabschnitt vollständig gesperrt und grundlegend erneuert. Das spart offenbar einzelne Baustellenphasen, bringt aber den gesamten Verkehr auf der Strecke aus dem Takt. Genau daran entzündet sich die Kritik: Die Verbesserungen stünden mitunter nicht im Verhältnis zu den monatelangen Sperrungen.

Ralf Damde, DB-Regio-Betriebsratschef und Mitglied des Bahn-Aufsichtsrats, hinterfragt das Modell ebenfalls. Er fordert, wieder parallel zu fahren und zu sanieren. Während einer Vollsperrung könnten Lokführer, Kundenbetreuer, Werkstattmitarbeiter und Disponenten nicht regulär arbeiten, sagt Damde – und fragt, wie diese Beschäftigten in der Zwischenzeit eingesetzt werden sollen. Dazu kommen die Kosten: Entlang einer Strecke werde nahezu jedes Bauteil ausgetauscht. Ein noch funktionierendes Bauteil müsse aber nicht entfernt werden.

Eingeführt wurde das Konzept vom ehemaligen Bahn-Chef Richard Lutz und dem früheren Verkehrsminister Volker Wissing. Ursprünglich sollten bis 2030 mehr als 40 Korridore saniert werden, der Zeitplan wurde inzwischen verlängert. Mehrere Strecken sind bereits erneuert, doch teilweise kam es zu Verzögerungen und unerwartet hohen Kosten.

Neue Planung, gleicher Grundgedanke

Der frühere Verkehrsminister Patrick Schnieder hatte deshalb eine grundsätzliche Überprüfung angekündigt. Auch Steffen Bilger steht den Korridorsanierungen kritisch gegenüber. Bahn-Chefin Evelyn Palla kündigte ebenfalls eine Überprüfung an, hält am Konzept aber grundsätzlich fest.

Geplant sind nun eine neue Priorisierung, eine bessere zeitliche Abstimmung und die schrittweise Wiederöffnung der Strecken nach Abschluss einzelner Arbeiten. Bahnchefin Palla passt das Modernisierungsprogramm damit an: Sanierte Abschnitte sollen künftig etappenweise wieder in Betrieb gehen, statt erst nach einer vollständigen Sperrung auf einmal freigegeben zu werden.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Leit- und Sicherungstechnik sowie auf der Vorbereitung für das europäische Zugleitsystem ETCS. Bis 2036 sollen weiterhin mehr als 40 Streckenabschnitte generalsaniert werden. Für die einzelnen Projekte sind allerdings weiterhin Vollsperrungen von etwa sechs Monaten vorgesehen. Ganz ohne Geduld wird es also nicht gehen.

Hamburg–Berlin als Härtetest

Wie schwierig die Lage ist, zeigt die Strecke Hamburg–Berlin. Ihre Generalsanierung verzögert sich um sechs Wochen, die Kosten werden mit 2,7 Milliarden Euro angegeben. Derzeit ist dort nur etwa jeder vierte Zug pünktlich.

Seit 2024 hatte die Deutsche Bahn sanierte Strecken nach monatelangen Vollsperrungen gebündelt wieder freigegeben. Kostensteigerungen, Verzögerungen, die niedrige Pünktlichkeit im Fernverkehr und die Kritik des Bundesrechnungshofs führten nun zur Anpassung der Strategie. Der Rechnungshof bewertete die Generalsanierungen im August 2026 als unwirtschaftlich. Im Juli 2026 lag die Pünktlichkeit im DB-Fernverkehr bei 52,6 Prozent.

Für Reisende bleibt der Baustellenfahrplan eine wackelige Angelegenheit. Während der Bauphasen sind Umleitungen und vorübergehende Einschränkungen möglich. Konkrete Fahrplan- und Bauinformationen sollten deshalb vor einer Reise anhand der jeweiligen Reisedaten geprüft werden. Bei internationalen Verbindungen empfiehlt es sich, großzügige Anschlusszeiten einzuplanen – der knappe Umstieg kann sonst schneller weg sein, als der Kaffee im Bordbistro abkühlt.

Viele Termine sind vorläufig. Aktuelle Informationen der Deutschen Bahn und anderer Betreiber sollten beobachtet werden, bevor es losgeht.