Mehr Kameras, KI-Heatmaps und drei Sicherheitsringe: München rüstet die Wiesn 2026 auf
In der Nacht auf Sonntag, dem 27. September 2026, ist eine Fahrt in der S-Bahn Richtung Aying aus dem Ruder gelaufen. Gegen 1 Uhr gerieten zwei Wiesn-Reisegruppen kurz nach dem Verlassen des Haltepunkts Neuperlach aneinander. Erst fielen Worte, dann Schläge – mitten im Zug.
Laut Ermittlungsstand sollen zwei slowakische Staatsangehörige im Alter von 42 und 49 Jahren zwei Deutsche im Alter von 20 und 23 Jahren angegriffen und ihnen ins Gesicht geschlagen haben. Anschließend kam es zwischen dem 23-Jährigen und den beiden Slowaken zu einer weiteren, gegenseitigen körperlichen Auseinandersetzung.
Leichte Verletzungen und hohe Promillewerte
Am Haltepunkt Höhenkirchen-Siegertsbrunn stiegen alle vier Männer aus. Einsatzkräfte trennten die Beteiligten und übergaben sie der Bundespolizei. Alle vier erlitten leichte Verletzungen. Der 20-Jährige wurde noch vor Ort vom Rettungsdienst behandelt, die drei anderen Männer benötigten keine medizinische Versorgung.
Beim 23-Jährigen aus dem Landkreis München wurde außerdem die Trachtenweste zerrissen beziehungsweise beschädigt. Die freiwilligen Atemalkoholtests ergaben deutliche Werte: Der 42-jährige Slowake hatte 1,8 Promille, der 49-jährige Slowake und der 20-jährige Deutsche jeweils 2,86 Promille. Beim 23-jährigen Deutschen wurden 1,06 Promille gemessen.
Gegen die beiden Slowaken wird wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung und Sachbeschädigung ermittelt. Gegen den 23-jährigen Deutschen besteht der Verdacht der Körperverletzung. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen durften alle vier Männer ihre Heimreise fortsetzen.
Anscheinswaffen an der Hackerbrücke
Bereits am Samstagabend kontrollierte die Bundespolizei an der Hackerbrücke zwei ukrainische Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren. Beide führten jeweils eine Anscheinswaffe mit sich: Der 15-Jährige trug sie im Hosenbund, der 16-Jährige hielt sie in der Hand. Nach aktuellem Ermittlungsstand bedrohten sie keine Reisenden.
Die Jugendlichen sollen gegen die während des Oktoberfests geltende Allgemeinverfügung verstoßen haben. Die Waffen wurden sichergestellt, die Erziehungsberechtigten informiert und ein Zwangsgeld in Aussicht gestellt.
Mehr Kameras und drei Sicherheitsringe
Für das Oktoberfest 2026 erweitert München sein Sicherheitskonzept. Hintergrund sind eine Bombendrohung und zeitweise geschlossene Zugänge wegen Überfüllung im Vorjahr. Besucherströme sollen früher erkannt und gesteuert werden. Die Stadt installiert dafür 26 eigene Kameras auf der Theresienwiese, die Polizei setzt zusätzlich 56 teils fest installierte Kameras zur Prävention und Strafverfolgung ein. Einsatzkräfte tragen außerdem Bodycams.
Polizeivizepräsident Christian Huber spricht von einer „hohen abstrakten Gefährdungslage“, unter anderem wegen internationaler Konflikte wie dem Krieg in der Ukraine und der Lage im Nahen Osten. Konkrete Hinweise auf eine Gefahr für das Oktoberfest gebe es laut Huber nicht.
Das Gelände wird erneut durch drei Sicherheitsringe geschützt: einen äußeren Verkehrssperrring, einen mittleren Bereich und den inneren Ring um das eingezäunte Festgelände. An den Zugängen kontrollieren städtische Sicherheitskräfte die Besucher, unter anderem mit Handsonden. Die Messerverbotszone wird auf den äußeren Sperrring rund um die Theresienwiese ausgeweitet. Zusätzliche mobile Sperrelemente sollen verhindern, dass Fahrzeuge in stark frequentierte Bereiche gelangen.
Verboten bleiben unter anderem große Taschen, Glasflaschen, Messer, Abwehrsprays und gefährliche Werkzeuge. Über dem Festgelände gilt während des Oktoberfests außerdem ein Flugbeschränkungsgebiet mit einem Radius von 5,6 Kilometern. Das gilt auch für Drohnen; überwacht wird der Luftraum durch die Hubschrauberstaffel.
Heat Maps sollen Menschenmengen früh zeigen
Neu ist die technische Auswertung der Kamerabilder mithilfe künstlicher Intelligenz. In einer Sicherheitszentrale entstehen Karten mit besonders dicht besuchten Bereichen. Diese sogenannten Heat Maps sollen sich entwickelnde Menschenansammlungen frühzeitig sichtbar machen. Crowdspotter beobachten die Lage zusätzlich direkt vor Ort und stehen mit Festleitung, Polizei und weiteren Behörden in Kontakt. Sie arbeiten in einer neuen Koordinierungsstelle für Crowdmanagement und Besucherlenkung.
Bisher suchten Vertreter der Stadt kritische Stellen zu Fuß ab. Mit den Kameras soll schneller auf Veränderungen reagiert werden können. Eine Social-Media-Kampagne weist Besucher auf weniger stark genutzte Eingänge und die Oide Wiesn als Ausweichmöglichkeiten hin. Das Wiesn-Fundbüro zieht dafür vorübergehend in das Verkehrszentrum des Deutschen Museums um.
Auslöser für die verstärkte Besucherlenkung waren unter anderem die Ereignisse am zweiten Wiesn-Samstag 2025 während des sogenannten Italiener-Wochenendes. Vor den Zelten staute sich die Menge so stark, dass sich zeitweise Tausende Menschen kaum bewegen konnten. Das Gelände wurde aus Sicherheitsgründen geschlossen. Der Grund blieb in ersten Durchsagen offen, was bei vielen Gästen für zusätzliche Verunsicherung sorgte.
Polizei, Ambulanz und ein Safe Space
Rund 600 Polizeikräfte sollen auf dem Festgelände eingesetzt werden, dazu kommen etwa 600 städtische Ordner sowie Rettungs- und Sanitätsdienste. Unterstützt wird die Polizei durch die bayerische Bereitschaftspolizei, spezialisierte Taschendiebstahl-Fahnder aus mehreren europäischen Ländern und weitere internationale Einsatzkräfte. An den beiden letzten Wiesn-Wochenenden sollen erneut italienische Polizisten im Einsatz sein. Italienischsprachige Kräfte aus Bozen arbeiten in der Integrierten Leitstelle auf dem Festgelände.
Für medizinische Notfälle und Übergriffe gibt es hinter dem Schottenhamel-Zelt die umfangreich ausgestattete Wiesn-Ambulanz der Aicher Ambulanz. Im Vorjahr wurden dort mehr als 7.000 Menschen behandelt. Zusätzlich stehen dezentrale Sanitätscontainer bereit.
Über die App „Safe Now“ können Sicherheitskräfte in teilnehmenden Zelten gezielt alarmiert werden. Im Servicezentrum befindet sich außerdem ein Safe Space der Aktion „Sichere Wiesn“ für Frauen und Mädchen – etwa bei verlorenen Begleitungen, Diebstahl, Belästigung oder Gewalt. Laut Huber können sich Besucher bei Belästigung und sexuellen Übergriffen jederzeit an die Polizei wenden.
Erstmals sind präventive Polizei-Durchsagen an der U-Bahn-Station Theresienwiese geplant. Die bereits beim Frühlingsfest getesteten Ansagen wurden auf Bayerisch eingesprochen. Ein bisschen ungewohnt klingt das vermutlich schon – zwischen Zuglärm, Musik und dem üblichen Wiesn-Trubel.
