Bahnbau, 3. Oktober 2026 – Doro Pesch erzählt von New York, und plötzlich riecht man förmlich kalten U-Bahn-Stahl, hört das Rumpeln unter der Stadt und sieht eine junge Musikerin mit Hoodie und aufgemaltem kleinen Schnurrbart. Wenn sie die Belastung nicht mehr aushielt, verließ die Sängerin von Warlock ihre Unterkunft und verbrachte Nächte bei obdachlosen Menschen in New Yorker U-Bahnen. Dort fühlte sie sich sicher und aufgenommen.

In New York entstand Warlocks erfolgreichstes Album „Triumph and Agony“. Doch die Zeit des internationalen Durchbruchs in den 1980er-Jahren wurde für Pesch zur Tortur. Die Plattenfirma stellte ihr einen persönlichen Coach zur Seite. Jeden Morgen musste sie um 6:30 Uhr tanzen, danach stundenlang Sport treiben. Rauchen war verboten, beim Essen habe es ausschließlich Salat gegeben. „Es war die Hölle“, sagt Pesch. Sie habe doch lediglich ihre Musik machen wollen – Metal bedeutete für sie Freiheit.

Nächte unter der Stadt

Abends kam sie häufig weinend nach Hause. Wenn es gar nicht mehr ging, zog sie los. Bei den Menschen ohne Unterkunft besprach sie, wo man Essen bekommen, sich waschen und sich im Winter aufwärmen könne. Der Hoodie und der kleine Schnurrbart sollten verhindern, dass sie erkannt wurde. Eine ungewöhnliche Zuflucht für eine Sängerin auf dem Weg zur internationalen Karriere – aber für Pesch offenbar ein Ort, an dem sie kurz durchatmen konnte.

Schon im Alter von etwa 14 oder 15 Jahren erkrankte sie nach eigener Aussage an Lungentuberkulose im Endstadium und kam in eine Klinik. Ihre Erinnerung an diesen Ort ist düster: Patientinnen seien angebunden worden, vor den Fenstern hätten sich Gitter befunden, Medikamente hätten sie ruhiggestellt. Ihre persönlichen Sachen seien unter anderen Patientinnen verteilt worden.

Ihre Mutter holte sie schließlich aus der Klinik. Ärzte und Pflegekräfte hätten beide zunächst aufhalten wollen. Erst nachdem die Mutter gedroht habe, die Presse einzuschalten, durften sie gehen. In einem anderen Krankenhaus blieb Pesch nach eigener Erinnerung etwa neun Monate. Dort fasste sie den Entschluss, nach ihrer Genesung etwas mit ihrem Leben zu machen und Menschen glücklich zu machen. Zwei Wochen nach ihrer Entlassung gründete sie ihre erste Band.

Von Düsseldorf nach Warlock

Dorothee „Doro“ Pesch, geboren am 3. Juni 1964 in Düsseldorf, ist eine deutsche Rock- und Metal-Sängerin. Nach einer Ausbildung zur Typografin, während der sie an Lungentuberkulose erkrankte, sang sie Anfang der 1980er-Jahre bei den Düsseldorfer Underground-Bands Snakebite und Attack. Ende 1982 verließ sie Attack, 1983 gründete sie mit anderen Musikern Warlock.

Warlock veröffentlichte vier Studioalben und wurde international bekannt. Bis zur Trennung 1988 galt die Gruppe als eine der führenden Bands des deutschen Metal-Undergrounds. Beim Monsters of Rock Festival in England trat Pesch 1986 als eine der ersten Frauen auf, die eine Metalband anführten. Das war damals keineswegs Alltag – eher ein ziemlicher Paukenschlag.

Nach Streitigkeiten mit der Plattenfirma verließen 1988 bis auf den Bassisten alle bisherigen Warlock-Musiker die Band. Pesch stellte eine neue Besetzung mit Tommy Henriksen, Jon Devin und Bobby Rondinelli zusammen. Das 1989 veröffentlichte Album „Force Majeure“ erschien unter dem Namen Doro; auf der Erstauflage wies ein Aufkleber auf dem Cover zusätzlich auf Warlock hin.

1990 zog Pesch nach New York und nahm dort ihr erstes Album unter eigenem Namen auf. Produzenten waren Gene Simmons, Tommy Thayer und Pat Regan. Das Folgealbum „True at Heart“ wurde 1991 von Dann Huff produziert. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist Pesch auch als Solokünstlerin erfolgreich.

Alben, Weggefährten und große Bühnen

Die Diskografie erzählt diese Entwicklung ziemlich nüchtern in Zahlen: „Force Majeure“ erreichte 1989 Platz 5 in Deutschland, Platz 12 in der Schweiz und Platz 154 in den USA; in Deutschland gab es Gold, 18 Wochen blieb das Album in den Charts. „Doro“ kam 1990 in Deutschland auf Platz 9 und blieb dort 20 Wochen, in der Schweiz auf Platz 22 bei sieben Wochen. „True at Heart“ erreichte 1991 Platz 19 in Deutschland und Platz 26 in der Schweiz.

1993 folgte „Angels Never Die“ mit Platz 21 in Deutschland und Platz 31 in der Schweiz. „Machine II Machine“ kam 1995 auf Platz 33 in Deutschland und Platz 38 in der Schweiz. 1998 erreichte „Love Me in Black“ Platz 38 in Deutschland. „Calling the Wild“ stand 2000 auf Platz 16, „Fight“ 2002 auf Platz 18 in Deutschland und Platz 100 in der Schweiz. „Classic Diamonds“ kam 2004 auf Platz 33, „Warrior Soul“ 2006 auf Platz 27.

„Fear No Evil“ erreichte 2009 Platz 11 in Deutschland, Platz 51 in Österreich und Platz 56 in der Schweiz. „Raise Your Fist“ kam 2012 auf Platz 16 in Deutschland, Platz 50 in Österreich und Platz 52 in der Schweiz. Das Doppelalbum „Forever Warriors / Forever United“ erreichte 2018 Platz 4 in Deutschland, Platz 23 in Österreich und Platz 13 in der Schweiz. „Conqueress – Forever Strong and Proud“ kam 2023 auf Platz 5 in Deutschland, Platz 7 in Österreich und Platz 23 in der Schweiz.

Mit Lemmy Kilmister verband Pesch eine lange musikalische Freundschaft. 2000 hatte er einen Gastauftritt auf „Calling the Wild“. Beim Konzert zum 20-jährigen Warlock-Jubiläum 2003 sangen beide „Love Me Forever“ von Motörhead; später nahmen sie auch „Alone Again“ gemeinsam auf. Während der Motörhead-Europatournee „The Wörld Is Ours“ 2010 trat Doro als Vorband auf und sang beim Motörhead-Konzert mit Lemmy „Born to Raise Hell“.

Zum 25-jährigen Bühnenjubiläum am 13. Dezember 2008 kamen 9000 Zuschauer. Als Vorbands spielten Holy Moses, Leaves’ Eyes und Arch Enemy. Pesch sang unter anderem mit Bobby Ellsworth, Jean Beauvoir, Liv Kristine, Floor Jansen, Chris Boltendahl, Axel Rudi Pell, Klaus Meine, Rudolf Schenker, Tarja Turunen und Warrel Dane. Das Konzert endete mit mehreren Warlock-Reunion-Stücken.

Auf der 2010 veröffentlichten DVD „25 Jahre in Rock“ sang sie mit Klaus Meine „Rock You Like a Hurricane“, während Rudolf Schenker E-Gitarre spielte. Beim Wacken Open Air 2013 feierte Pesch ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum und interpretierte „All We Are“ mit Sabaton, Uli Jon Roth, Eric Fish, Phil Campbell, Chris Boltendahl und Corvus Corax.

2017 veröffentlichte sie mit „Für immer“ ihr erstes deutschsprachiges Album. Beim Zeltfestival Rhein-Neckar lernte sie Helge Schneider kennen. Gemeinsam nahmen sie „Backstage to Heaven“ auf, Schneider spielte Saxofon. Der Titel erschien im August 2018 auf „Forever Warriors / Forever United“.

2020 trat Doro als Vorband von Saxon auf der Tour „40th Anniversary Castles & Eagles“ in Düsseldorf auf und sang mit Biff Byford „Denim and Leather“. Am 28. August 2022 war sie im ZDF-„Fernsehgarten“ bei der Ausgabe „Rock im Garten“ mit „All We Are“ und „Raise Your Fist“ zu sehen. Beim Wacken Open Air 2023 feierte sie ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum erneut. Zu den Gastmusikern gehörten unter anderem Hansi Kürsch, Mikkey Dee, Phil Campbell, Chris Caffery, Udo Dirkschneider, Joey Belladonna, Sammy Amara, Michael Robert Rhein, Sabina Classen und Uli Jon Roth.

Mehr als Musik

Pesch ist Veganerin und posierte für PETA gegen das Tragen von Leder. Privat und auf der Bühne trägt sie nach eigenen Angaben ausschließlich Kunstleder. Mit der Boxerin Regina Halmich ist sie langjährig befreundet und schrieb vier ihrer Einzugshymnen: „All We Are“, „Fight“, „She’s Like Thunder“ und „The Queen“.

Am 26. Oktober 2002 nahm Pesch beim RTL-„Promiboxen“ kurzfristig als Ersatz für Samantha Fox teil. Gegen Michaela Schaffrath, die von Regina Halmich trainiert wurde, verlor sie