Für Bahnreisende zwischen Berlin und Hannover wird der Herbst 2026 zur Geduldsprobe. Ab Freitag, 2. Oktober 2026, ist die Strecke abschnittsweise gesperrt; die Bauarbeiten laufen bis zum 11. Dezember 2027. Etwa 14 Monate lang müssen Fahrgäste mit erheblichen Einschränkungen und rund 90 Minuten zusätzlicher Reisezeit rechnen.

Grund ist die Generalsanierung der 227 Kilometer langen Verbindung zwischen Berlin-Spandau und Lehrte. Sämtliche Fernzüge zwischen Berlin und Hannover werden über Braunschweig und Magdeburg umgeleitet. Besonders betroffen sind Verbindungen zwischen Berlin und Nordrhein-Westfalen über Hannover. Tagsüber sollen je Richtung drei Fernzüge innerhalb eines Zwei-Stunden-Zeitraums verkehren. Das klingt nach einem Fahrplan, an dem man den Kaffee besser nicht zu knapp bemisst.

Gebündelte Arbeiten an Gleisen, Weichen und Bahnhöfen

Die Deutsche Bahn bündelt die Arbeiten je Abschnitt in festgelegten Sperrzeiträumen. Für einzelne Bereiche ist eine mehrmonatige Vollsperrung nötig, andere Abschnitte bleiben überwiegend eingleisig befahrbar. Anders als bei über Jahre verteilten Einzelmaßnahmen werden mehrere Gewerke gleichzeitig erledigt.

Auf der 227 Kilometer langen Strecke werden laut Bahn rund 216 Kilometer Gleise erneuert. Hinzu kommen 149 neue Weichen, die Erneuerung beziehungsweise Bearbeitung von Brücken, Durchlässen, Oberleitungen sowie Leit- und Sicherungstechnik und 13 Kilometer Lärmschutzwände. In der ursprünglichen Projektbeschreibung ist außerdem von mehr als 214 Weichen, rund 357 Kilometern Gleisen und etwa 100 Kilometern Oberleitungen die Rede. Die Angaben beziehen sich auf unterschiedliche Teile und Umfänge der Sanierung.

Im Mittelpunkt stehen Anlagen, die für die Pünktlichkeit entscheidend sind: Gleise, Weichen, Signale und Stellwerke. Sechs Stellwerke werden modernisiert. Außerdem sollen 25 Bahnhöfe zu „Zukunftsbahnhöfen“ entwickelt werden; in einer weiteren Übersicht nennt die Bahn 27 modernisierte Bahnhöfe. Vorgesehen sind unter anderem bessere Beleuchtung, taktile Leitsysteme und stufenfreie Zugänge, also teilweise ein barrierefreier Ausbau.

Eine interaktive Karte der Bahn zeigt die geplanten Arbeiten, darunter Bahnhofmodernisierungen sowie die Erneuerung von Gleisen und Lärmschutzwänden. Für die Bauzeit wurde ein abgestimmtes Verkehrskonzept für Fern- und Regionalverkehr ausgearbeitet; ausfallende Nahverkehrsverbindungen sollen durch Busse ersetzt werden.

Umleitungen für Reisende und Güterzüge

Die Fernzüge werden über Braunschweig und Magdeburg geführt. Das gilt auch für den Güterverkehr. Die Strecke soll für die höhere Auslastung vorbereitet werden. Ab Ende Januar 2027 soll zusätzlich eine Umleitungsstrecke für Güterzüge über Halle–Eichenberg zur Verfügung stehen. Sie wird derzeit modernisiert und ausgebaut; dafür verschiebt die Bahn dort geplante Bauarbeiten vom Sommer 2027.

Die Deutsche Bahn kündigt ein „verlässliches Grundangebot“ an. Züge sollen möglichst nahe an gesperrte Streckenabschnitte herangeführt werden. Wo kein Zugverkehr möglich ist, fahren Busse als Schienenersatzverkehr. Ein detailliertes Konzept wird noch ausgearbeitet.

Genau an diesem Punkt hakt Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach (SPD) ein. Noch sei unklar, bis zu welchem Bahnhof die Züge fahren und wo der Ersatzverkehr beginnt, kritisiert er. Crumbach fordert, den Ersatzverkehr bereits ab Nennhausen und nicht erst ab Wustermark starten zu lassen, um Pendler zu entlasten. Nennhausen liegt östlich von Rathenow.

Ursprünglich sollten ab dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember zumindest einige Fernzüge eingleisig über die parallel verlaufende Stammbahn direkt zwischen Berlin und Hannover fahren. Daraus wird vorerst nichts: Die Elektrifizierung dieser Ausweichstrecke verzögert sich erheblich und soll laut Bahn erst im Dezember 2027 abgeschlossen sein – ein Jahr später als ursprünglich geplant.

Warum dieser Korridor saniert wird

Die Bahn begründet den hohen Aufwand mit einer überalterten und unterfinanzierten Infrastruktur sowie einem über Jahre aufgebauten Investitionsrückstand. Der Korridor Lehrte–Berlin wurde von Bund und Deutscher Bahn anhand von Verkehrsbelastung, Infrastrukturzustand und Baubedarf ausgewählt und ist gesetzlich verankert.

Die Strecke gehört zum transeuropäischen Schienennetz. Sie verbindet die Ballungsräume im Westen Deutschlands mit Berlin und dem Osten und hat deshalb eine hohe Bedeutung für Personen- und Güterverkehr. Langfristig geplante Umleitungskonzepte sollen den Betrieb während der Bauarbeiten aufrechterhalten – zumindest so weit, wie es bei einer solchen Operation am offenen Bahngleis eben geht.

Die Sanierung ist Teil eines größeren Vorhabens: Bis Mitte der 2030er-Jahre will die Deutsche Bahn mehr als 40 stark ausgelastete Streckenkorridore umfassend erneuern. Nach Verzögerungen und Problemen bei zwei jüngsten Sanierungsprojekten kündigte Bahnchefin Evelyn Palla eine Überprüfung des Sanierungskonzepts sowie Anpassungen der Zeitpläne an. Für Reisende auf der Verbindung Berlin–Hannover bleibt zunächst vor allem der Kalender wichtig: Ab dem 2. Oktober 2026 wird umgeleitet, gebaut und gewartet – bis zum 11. Dezember 2027 abschnittsweise auch mit gesperrten Gleisen.