In der Nacht zum Dienstag ist bei Kassel-Oberzwehren ein Güterzug gegen 2 Uhr mit einem Baufahrzeug beziehungsweise einem Gegenstand kollidiert, der offenbar von einer Baustelle stammte. Der Zug entgleiste mit einem Rad, nach Angaben der HNA entgleiste eine Achse der Lok. Verletzt wurde niemand. Die Kollision ereignete sich auf der stark befahrenen Strecke Hannover–Würzburg – dort, wo ohnehin ständig gebaut, rangiert und umgeleitet wird.

Bei dem Unfall wurden Leit- und Sicherungstechnik beschädigt. Für Reparaturarbeiten waren zunächst nicht alle Gleise verfügbar. Gesperrt wurden die Verbindungen Kassel–Fulda, Kassel–Bebra und Kassel–Wabern. Der Fern- und Güterverkehr wurde umgeleitet, im Nahverkehr kam es zu Teilausfällen und Verspätungen. Wann die Strecke vollständig wieder freigegeben werden kann, war zunächst nicht absehbar.

Regionalzüge fallen aus, Busse übernehmen

Betroffen waren im Regionalverkehr die Linien RB5, RE5, RE30, RE50 und RE98. Zwischen Kassel und Guntershausen wurde ein Busnotverkehr eingerichtet beziehungsweise geplant. Am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe informierten sich zahlreiche Reisende über ausfallende Züge – mit Handy in der Hand, fragendem Blick und offenbar viel Zeit zum Warten.

Gegen 9 Uhr war die Strecke laut Bundespolizei eingleisig wieder befahrbar. Die Züge wurden im Pendelverkehr abgewickelt und fuhren abwechselnd in beide Richtungen. Die vollständige Freigabe blieb allerdings weiterhin unklar. Die Ermittlungen der Bundespolizei vor Ort waren weitgehend abgeschlossen, während Bahnmitarbeiter noch an der Untersuchung und der Störungsbeseitigung arbeiteten. Der beschädigte Güterzug wurde abgeschleppt.

Diese Fernzüge sind betroffen

Im Fernverkehr fielen ICE-Verbindungen von Flensburg, Hamburg oder Berlin über Hannover nach Frankfurt zwischen Hannover und Frankfurt aus. Ebenfalls gestrichen wurden ICE-Züge von Braunschweig über Kassel und Frankfurt nach Karlsruhe.

Auch ICE- und IC-Züge von Köln über Kassel nach Leipzig entfielen. Die Verbindung wird in der ausführlicheren Streckenführung über Köln–Dortmund–Hamm–Kassel–Eisenach–Erfurt–Leipzig genannt. ICE-Züge von Oldenburg über Bremen, Hannover, Kassel, Gießen und Frankfurt am Main weiter über Heidelberg nach Karlsruhe fielen zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Karlsruhe aus.

ICE-Züge von Kiel beziehungsweise Rostock über Hamburg, Hannover und Frankfurt am Main nach Mannheim, Basel oder Stuttgart wurden zwischen Hannover und Frankfurt am Main umgeleitet. Dadurch verspäteten sie sich um etwa 30 Minuten und hielten nicht in Kassel-Wilhelmshöhe.

Auch die ICE-Verbindungen von Rostock über Hamburg, Hannover und Fulda nach Würzburg, Nürnberg und München nahmen einen Umweg: Sie wurden zwischen Hannover und Fulda umgeleitet, verspäteten sich ebenfalls um etwa 30 Minuten und hielten nicht in Kassel-Wilhelmshöhe.

Reparatur parallel zu den Ermittlungen

Die Bundespolizei untersuchte den Unfall vor Ort, während die Bahn die beschädigte Leit- und Sicherungstechnik prüfte und die Störung beseitigte. Dass der Güterzug mit einem Gegenstand von einer Baustelle kollidierte, stand dabei im Mittelpunkt. Die Frage, wie genau dieser Gegenstand auf das Gleis gelangte und welche Folgen der Treffer für die Technik hatte, blieb zunächst offen.

Der Vorfall bei Kassel fiel in eine Phase, in der die Deutsche Bahn auch bundesweit mit einer technischen Großstörung zu kämpfen hatte. Nach einem Ausfall des Zugverkehrs in der Nacht erklärte DB-InfraGo-Chef Philipp Nagl, Auslöser sei der „planmäßige Tausch einer technischen Komponente“ im digitalen Bahnfunksystem GSM-R gewesen. Wie dieser Komponententausch die Störung auslösen konnte, sollte mit hoher Priorität untersucht werden. Weitere technische Details nannte die Deutsche Bahn zunächst nicht.

Bundesweiter GSM-R-Ausfall ohne Hinweise auf Angriff

Die deutschlandweite Störung des digitalen Bahnfunks GSM-R begann am späten Dienstagabend und legte den Zugverkehr rund zwei Stunden lang lahm. Gegen 0.30 Uhr fuhren die ersten Züge wieder, später erklärte die Deutsche Bahn die Störung für behoben. Der Verkehr lief schrittweise an; IT-Experten der Bahn arbeiteten nach Unternehmensangaben pausenlos an der Entstörung.

Betroffen waren neben Fern- und Regionalzügen auch von der DB betriebene S-Bahnen, Privatbahnen und der nächtliche Güterverkehr. In Berlin wurde der Verkehr im gesamten S-Bahn-Netz mit allen Linien eingestellt. In Stuttgart standen alle S-Bahnen im gesamten Netz an den Bahnsteigen. Die Hamburger Hochbahn war dagegen nicht betroffen, dort fuhren alle U-Bahn-Linien. Beim Unternehmen Metronom waren nach eigenen Angaben sämtliche Züge auf allen Strecken in Niedersachsen, Bremen und Hamburg betroffen.

Sicherheits- und IT-Experten untersuchten die Ursache. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI, stand dazu seit Dienstagabend in engem Austausch mit der Bahn. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurde ein fehlerhaftes Software-Update als mögliche Ursache angenommen; auch Bahnmitarbeitende berichteten von einem Software-Update als möglichem Auslöser. Hinweise auf einen Cyberangriff oder Sabotage wurden nach Informationen von dpa und rbb nicht festgestellt.

Am Kasseler Bahndamm ging es derweil um ganz handfeste Arbeit: beschädigte Technik, ein abgeschleppter Güterzug und Gleise, die nur eingeschränkt genutzt werden konnten. Wann alle Strecken wieder vollständig offen sind, blieb zunächst offen.