In Rüdesheim wurden Fahrräder über die Treppe getragen
In Rüdesheim mussten Radfahrer im Juli 2026 mit einer ungewöhnlichen Umleitung klarkommen: Eine steile Treppe südlich der Gleise sollte sie während der Sperrung des Bahnübergangs an der B42 auf den Leinpfad führen. Für viele war das schlicht nicht machbar. Ab dem 23. Juli trugen deshalb zwei von DB InfraGO eingesetzte Helfer die Fahrräder über die Stufen – täglich von 5:30 bis 22:30 Uhr.
Der Bahnübergang war vom 15. bis 28. Juli 2026 gesperrt. Anlass war die Sanierung der rechtsrheinischen Bahnstrecke zwischen Wiesbaden und Troisdorf. Betroffen waren Autos, Schienenersatzbusse und Radfahrer. Die geplante Radroute führte über die nahegelegene Treppe, weiter auf den Leinpfad und nach etwa 200 Metern zurück auf die Rheinstraße.
Eine Umleitung, die kaum jemand erkennen konnte
Das größte Problem: Eine Beschilderung fehlte. Ortskundige mochten sich noch irgendwie orientieren, für alle anderen blieb die Route schwer erkennbar. Der ADFC Wiesbaden/Rheingau-Taunus kritisierte außerdem, dass die Treppe nahe dem Bahnhof sehr steil und eng war.
Familien mit Fahrradanhängern kamen dort ebenso an ihre Grenzen wie Radreisende mit Gepäck, Nutzer schwerer Pedelecs oder Menschen mit Fahrrädern samt Hunde-Trolley. Wer schon einmal ein beladenes Rad über enge Stufen gewuchtet hat, weiß: Das ist keine flotte Abkürzung, sondern Schweißarbeit.
Viele Radfahrer versuchten deshalb, die Gleise durch den Fußgängertunnel am alten Bahnhof zu unterqueren. Doch auch dort versperrte eine lange Treppe den Weg. Eine Radfahrerin mit E-Bike wollte wegen der unpassierbaren Strecke ihre Tour zur Fähre nach Bingen sogar abbrechen.
Die eingesetzten Helfer waren eine kurzfristige Nachbesserung. Der ADFC begrüßte ihren Einsatz, hielt aber an der Kritik zur fehlenden Ausschilderung fest. Gefordert werden für kommende Bauarbeiten frühzeitige Informationen über Sperrungen, gut ausgeschilderte und barrierefreie Umleitungen sowie eine Planung, die unterschiedliche Radfahrende berücksichtigt – vor allem Familien, Tourenradler und Pedelec-Nutzer.
Große Sanierung, viele gesperrte Übergänge
Die Sanierung der rechtsrheinischen Strecke läuft von Juli bis Dezember 2026. Erneuert werden unter anderem Gleise, Weichen, Oberleitungen, Signaltechnik, Brücken, Tunnel, Bahnübergänge und 36 Bahnhöfe. Zwischen Wiesbaden und Lorchhausen sind weitere Bahnübergänge vorübergehend oder dauerhaft geschlossen.
Eine Bahn-Sprecherin verwies auf die Helfer und erklärte, alle Verkehrsträger würden berücksichtigt. Die Kritikpunkte wolle die Deutsche Bahn aufnehmen und bei Bedarf nachsteuern. Der ADFC fordert zusätzlich eine frühzeitige Abstimmung mit Kommunen und Tourismusverbänden, damit Umleitungen nicht erst auffallen, wenn die ersten Radler ratlos vor einer Treppe stehen.
Der Fall in Rüdesheim passt zu einer größeren Debatte über Baustellen im Radverkehr. Das Straßenverkehrsamt veröffentlichte im Sommer 2024 einen Leitfaden zur Radverkehrsführung an Baustellen. Darin stehen Musterlösungen, Vorgaben dazu, wann Umleitungen ausgeschildert werden müssen, und Hinweise zu ihrer Gestaltung. Seitdem hat sich die Baustellenführung vielerorts verbessert, umgesetzt werden die empfohlenen Lösungen aber nicht immer.
Wenn der Umweg selbst zum Hindernis wird
Ein Beispiel ist die Gutleutstraße vor dem Heizkraftwerk, wo die Baustelle voraussichtlich bis Herbst bestehen soll. Stadteinwärts endet der Radfahrstreifen vor der Baustelle; die Weiterfahrt auf der Fahrbahn ist durch Zeichen 254 verboten. Nach Auskunft des zuständigen Amts sollen Radfahrende an der Baustellenampel die Fahrbahnseite wechseln, anschließend auf dem Hochbordradweg entgegen der ursprünglichen Fahrtrichtung an der Baustelle vorbeifahren und danach wieder zurückwechseln.
An den Querungsstellen fehlen jedoch Anrampungen beziehungsweise Bordsteinabsenkungen. Der Hochbordradweg ist dadurch nur schwer erreichbar. Warum der Radverkehr nicht im ohnehin temporeduzierten Mischverkehr durch die Engstelle geführt wird, bleibt unklar. Die fehlenden Absenkungen behindern außerdem Menschen mit Kinderwagen oder Rollstühlen bei der Nutzung der Baustellenampel.
Auch auf der Friedberger Landstraße nahe der Friedberger Warte gab es kurzfristig Ärger. Radfahrende wurden per Benutzungspflicht auf eine nicht näher definierte Fläche geleitet, durften dort aber gleichzeitig nicht fahren, sondern mussten absteigen. Zu Fuß gehen und das Fahrrad schieben ist auf reinen Radwegen verboten. Mehreren Beteiligten war zudem nicht bekannt, dass die Anordnung „Radfahrer absteigen“ in Frankfurt grundsätzlich nicht mehr genehmigt werden sollte. Zum Zeitpunkt der Einrichtung lag außerdem noch keine Genehmigung für die Baustelle vor.
Der Leitfaden ist unter http://adfc-ffm.de/=J1PH öffentlich abrufbar. Beschwerden zu Baustelleneinrichtungen können an radverkehr-an-baustellen@stadt-frankfurt.de gemeldet werden. In Rüdesheim halfen derweil zwei Menschen mit kräftigen Armen aus – bis die Treppe wieder frei war.
