Wunderline startet nach elf Jahren über die neue Friesenbrücke – mit Umsteigen und Verspätungsrisiken
Seit Montag, 5. Oktober 2026, fahren wieder reguläre Züge zwischen Leer und den Niederlanden. Nach einer Sonderfahrt am Donnerstag, 1. Oktober 2026, wurde die grenzüberschreitende „Wunderline“ in Weener offiziell in Betrieb genommen. Arriva übernimmt den regulären Personenverkehr; unter der Woche geht es bis Winschoten, am Wochenende weiter bis Groningen.
Fast elf Jahre lang war die Verbindung unterbrochen. Im Dezember 2015 kollidierte ein Frachtschiff mit der Friesenbrücke in Weener und beschädigte die alte Klappbrücke irreparabel. Reisende zwischen Leer und Weener mussten seither auf Ersatzbusse ausweichen. Nun ist die Emsquerung durch den Neubau wieder für den grenzüberschreitenden Bahnverkehr geöffnet – für Pendler ebenso wie für Menschen, die einfach einmal einen Tagesausflug nach Groningen machen wollen.
Neue Brücke, neue Technik – und zunächst Umsteigen
Die Strecke ist 173 Kilometer lang, davon liegen 124 Kilometer in Deutschland. DB InfraGO und der niederländische Infrastrukturbetreiber ProRail haben sie modernisiert, damit der Verkehr pünktlicher und zuverlässiger läuft. Die Fahrzeit soll sich perspektivisch um rund 15 Minuten verkürzen. Geplant sind höhere Geschwindigkeiten, kürzere Reisezeiten und ein bequemeres Reisen von Tür zu Tür. Auch Arbeits- und Studienorte im Nachbarland sollen leichter erreichbar werden.
Das wichtigste deutsche Bauwerk ist die neue Friesenbrücke über die Ems, eine Dreh- und Hubbrücke. Für Radfahrende und Fußgänger wurde sie bereits im September 2025 freigegeben; zuvor mussten sie jahrelang Umwege nehmen. Auf deutscher Seite wurden außerdem rund 18 Kilometer Gleise, fünf Weichen sowie 19 Durchlässe, Brücken und Unterführungen erneuert. In Ihrhove und an der Friesenbrücke entstanden elektronische Stellwerke, die Leit- und Sicherungstechnik wurde modernisiert und um 54 neue Signale ergänzt. 38 Bahnübergänge wurden technisch angepasst.
Ganz ohne Haken läuft der Start allerdings nicht. Unter der Woche müssen Reisende weiterhin umsteigen, nur am Wochenende fährt der Zug durchgehend bis Groningen. Auf niederländischer Seite gibt es in den kommenden Monaten eine Langsamfahrstelle. Dadurch ist die Gesamtfahrzeit zunächst sogar länger als früher; ein derzeit noch eingesetzter Bus von Leer nach Groningen ist schneller als die neue Zugverbindung. Der Fahrgastverband Pro Bahn sagt deshalb, der Name „Wunderline“ wecke Erwartungen, die die Verbindung zunächst nicht erfülle. Lediglich rund 20 Kilometer Strecke seien instand gesetzt worden.
Auch während der elfjährigen Bauzeit sei zu wenig passiert, kritisiert Pro Bahn. Zwischen Leer und Oldenburg wurde nichts verbessert, die Strecke gilt weiterhin als unzuverlässig. In Ihrhove im Landkreis Leer ist der Bahnsteig außerdem zu kurz, sodass der Regionalexpress nach Münster dort nicht halten kann. Das klingt nach einem kleinen Detail, ist für die Menschen vor Ort aber keines.
250 Millionen Euro für die grenzüberschreitende Strecke
Die neue Brücke selbst war nur ein Teil des Vorhabens. Auch der niederländische Streckenabschnitt wurde modernisiert und ausgebaut. In Bunde und Ihrhove entstanden im Rahmen der Stationsoffensive Niedersachsen zwei neue, barrierefreie Verkehrsstationen. Gemeinden, die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen, das Land Niedersachsen sowie weitere deutsche und niederländische Partner waren beteiligt. EU-Fördermittel flossen ebenfalls in das Projekt.
Teurer wurde es trotzdem. Die ursprünglich für 2023 veranschlagten Kosten von rund 180 Millionen Euro stiegen auf derzeit rund 250 Millionen Euro. Als Gründe nennt die Bahn gestiegene Baupreise und Lieferengpässe, ein erweitertes Bauvolumen, zusätzliche Maßnahmen nach wiederholten Starkregenereignissen und schwierigen Baugrund. Nach dem Rückbau der alten Friesenbrücke waren zudem umfangreiche Planungsabstimmungen und ein langwieriger politischer Entscheidungsprozess nötig. Die eigentliche Bauzeit der neuen Brücke betrug rund drei Jahre.
Für die Verbindung rechnet die Bahn derzeit mit mehreren tausend Fahrgästen pro Woche und meldet eine große Nachfrage. Unter der Woche endet die Zugfahrt zunächst in Winschoten, am Wochenende geht es bis Groningen. Fahrpläne und Fahrkarten gibt es unter anderem auf bahn.de, im DB Navigator und bei Arriva.
Ein Baustein im europäischen Bahnnetz
Die Projektverantwortlichen sehen die Wunderline als wichtiges Bindeglied im europäischen Zugverkehr. Sie gehört zur Bahnverbindung von Amsterdam über Hamburg nach Skandinavien. Die Strecke selbst besteht seit 150 Jahren: Bereits 1876 fuhren regelmäßig Züge zwischen Groningen und Ihrhove.
Seit 2019 arbeiten im „Wunderline Netzwerk Anschlussmobilität“ mehr als 20 Gemeinden und Landkreise, Verkehrsverbünde sowie die Provinz Groningen und die Länder Niedersachsen und Bremen zusammen. Dabei geht es nicht nur um Gleise. Das Netzwerk beschäftigt sich auch mit besseren Busverbindungen, sichereren Bahnhöfen und besseren Fahrradabstellplätzen. Langfristig steht eine Verlängerung der Wunderline bis Bremen im Raum.
Für Touristen soll die Verbindung attraktivere Tagesausflüge ermöglichen, für Pendler und Studierende den Weg über die Grenze einfacher machen. Im Moment ist dabei noch etwas Geduld gefragt: Der Zug ist wieder da, die Baustellenfolgen sind es teilweise auch.
