Wer morgens am Bahnhof Walpertskirchen aus dem Zug steigt, trifft dort mit etwas Glück Karl Bürger. Der 70-jährige Rentner kommt meist täglich zur Station, sammelt Müll ein, repariert Kleinigkeiten und schaut nach dem Rechten. Seit rund 30 Jahren macht er das ehrenamtlich.

Der Bahnhof im oberbayerischen Walpertskirchen gehört zur Regionalbahn 40. Vom Münchner Ostbahnhof dauert die Fahrt etwa 30 Minuten, genutzt wird die Verbindung vor allem morgens und zum Feierabend. Bürger begrüßt die einfahrenden Züge, winkt den Fahrgästen freundlich zu – und bleibt anschließend oft noch eine ganze Weile beschäftigt.

Rasen, Blumen und alte Eisenbahnschwellen

Alle drei bis vier Wochen mäht Bürger die etwa 100 Quadratmeter große Grünfläche. Außerdem kümmert er sich um sechs Blumenbeete, deren Einfassungen aus alten hölzernen Eisenbahnschwellen bestehen. Seine Frau übernimmt die Blumen; Pflanzen kommen unter anderem als Spenden von einer örtlichen Gärtnerei.

Der Haltepunkt wirkt dadurch gepflegt: saubere Bänke, gemähte Flächen und Blumenbeete statt dauerhaftem Schmutz, überquellender Mülleimer oder Graffiti. Ganz ohne Ärger geht es trotzdem nicht ab. Bürger berichtet von weggeworfenen Verpackungen und beschmierten Wartehäuschen, also von den kleinen und größeren Hinterlassenschaften, die an einem Bahnhof schnell auffallen.

Auf der frisch gemähten Wiese steht außerdem ein kleines Museum, das der Gemeinde gehört. Auf Anfrage zeigt Bürger Besuchern eine historische Schrankenwärterbude und drei Eisenbahnsignale. Sich selbst nennt er scherzhaft den „Museumsdirektor, -wärter, -führer und -hausl in Personalunion“.

Wenn der Fahrkartenautomat streikt

Nach dem Mähen bleibt es nicht immer bei Rasen und Ausstellungen. Ein Fahrgast hatte am Bahnsteig Probleme mit der Kartenzahlung am Fahrkartenautomaten. Bürger half kurzerhand und brachte die Sache als selbst ernannter „Fahrkartenautomat-Erklärer“ wieder in Ordnung. Irgendjemand muss es ja machen.

Dass der Bahnhof heute überhaupt noch angefahren wird, hat ebenfalls mit seinem Einsatz zu tun. Nach Bürgers Angaben war die Stilllegung des eingleisigen Haltepunkts früher geplant. 1989 gründete er deshalb einen örtlichen Pro-Bahn-Arbeitskreis und setzte sich mehr als zehn Jahre lang mit umfangreichem Schriftverkehr gegen die Pläne ein.

Die Stilllegung ist inzwischen vom Tisch. Bürger führt das maßgeblich auf sein Engagement zurück. Die Gemeinde Walpertskirchen zeichnete ihn dafür mit der Bürgermedaille aus. Bürgermeister Josef Renner (CSU) würdigte seinen Einsatz und sagte, die Gemeinde habe ihm viel zu verdanken. Auch eine Sprecherin der Deutschen Bahn betonte, man schätze Bürgers langjährigen Einsatz und sei ihm dafür dankbar.

Aufhören möchte der Rentner nicht, solange er sich um den Bahnhof kümmern kann. Für die Zeit danach sieht er allerdings keine Nachfolge. Seine Antwort klingt knapp und ziemlich ernüchternd: „Wer macht es dann? Keiner“.

Ein Bahnhof als Teil einer größeren Ehrenamtsgeschichte

Bürgers Arbeit passt in einen größeren Zusammenhang. Die Wanderausstellung „Ehrenwert. Menschen im Ehrenamt“ der Deutsche Bahn Stiftung stellt ehrenamtlich engagierte Menschen aus Deutschland vor. Rund 30 Millionen Menschen engagieren sich hierzulande freiwillig – in ganz unterschiedlichen Regionen und Tätigkeitsbereichen.

Die Ausstellung umfasst 16 Porträts. Vorgestellt werden unter anderem Menschen, die sich für benachteiligte Jugendliche einsetzen oder historische Bestände des DB Museums archivieren. Großformatige Fotografien zeigen die Ehrenamtlichen in typischen Situationen ihrer Arbeit, Interviews erzählen, was sie antreibt und welche Wirkung ihr Engagement hat. Unter den Porträtierten sind auch Mitarbeitende der Deutschen Bahn. Mit dem Programm „Ehrensache“ der Deutsche Bahn Stiftung fördert die DB ehrenamtliches Engagement.

Gestartet ist die Ausstellung im August 2024 im Berliner Hauptbahnhof. Danach war sie in Leipzig, Köln und Nürnberg zu sehen. Für 2025 waren Stationen im Karlsruhe Hauptbahnhof vom 24. März bis 3. April, im Düsseldorf Hauptbahnhof vom 4. bis 14. April, im Erfurt Hauptbahnhof vom 15. bis 25. April und im Dresden Hauptbahnhof vom 26. April bis 6. Mai geplant; Änderungen der Termine blieben vorbehalten. Die Schau zeigt einen Querschnitt ehrenamtlichen Engagements in Deutschland und würdigt dessen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Fotograf der Ausstellung ist Mauricio Bustamante aus Hamburg, der weltweit als Fotojournalist und Porträtfotograf arbeitet. Bis 1993 war er als Fotojournalist in Argentinien tätig, später arbeitete er im Auftrag argentinischer Medien in Spanien. Heute fotografiert er unter anderem für „Der Spiegel“, „Die Zeit“, „11 Freunde“ und das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“. Im Auftrag der Deutsche Bahn Stiftung fotografierte Bustamante bereits die Ausstellung „Entkoppelt“ aus dem Jahr 2020.

Die Porträttexte stammen von Thomas Byczkowski aus Hamburg, der seit 25 Jahren im Journalismus arbeitet. Für Porträtprojekte erstellt er häufig sowohl die Fotografien als auch die Texte, darunter Langzeitprojekte über Geflüchtete in Hamburg und Opfer einer Bergbaukatastrophe in Brasilien. Veröffentlicht wurden seine Arbeiten unter anderem von der Bertelsmann Stiftung, Misereor, DB Mobil, „Stern“, „brand eins“, „Mare“, „Zeit Wissen“, der „NZZ am Sonntag“, „Bilanz“ und der „Schweizer Automobilrevue“. Als Kontaktpersonen werden Dr. Rainer Mertens, Kai-Henning Wagner und Claudia Gutsch genannt.