Olympia 2036 auf Münchner Gleisen: Zwischen Nordring, Stammstrecke und Baustellenstau
Bei der Fußball-Europameisterschaft im Sommer 2024 sangen österreichische Fans spöttisch: „Die Deutsche Bahn ist so im A …“. Das Lied verbreitete sich anschließend im Internet – und führte vielen Menschen die marode deutsche Infrastruktur noch einmal sehr deutlich vor Augen. Ausgerechnet jetzt bewirbt sich München offiziell um die Olympischen Spiele. Bereits 2036 könnten sie stattfinden.
Ob die Bewerbung erfolgreich ist, soll erst in drei Jahren entschieden werden. Vorbereiten müssen sich Bayern und München trotzdem schon heute, am 11.10.2026. Vor allem beim Verkehr ist der Nachholbedarf groß. Das Netz in und um München erfüllt bereits jetzt nicht die Anforderungen, und die Bevölkerung der Region soll in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen. Gleichzeitig plant die Bahn-Tochter Infrago, wichtige Pendlerzüge zwischen Augsburg und München zu streichen, damit Platz für Fernverkehrszüge entsteht. Für viele, die täglich mit der Bahn unterwegs sind, klingt das eher nach zusätzlichem Gedränge als nach Olympia.
Viele Baustellen, wenig Luft
Auf der Liste der wichtigen Verkehrsprojekte stehen der Umbau des Münchner Hauptbahnhofs, die milliardenschwere zweite S-Bahn-Stammstrecke, Verlängerungen und Neubauten von U-Bahn-Linien sowie der S-Bahn-Ringschluss im Norden. Hinzu kommen ein ICE-Anschluss für den Münchner Flughafen und die Sanierung des Autobahntunnels bei Allach. Diese Tunnelsanierung soll bis in die Mitte der 2030er-Jahre dauern.
Die meisten Vorhaben wären auch ohne Olympia notwendig oder zumindest wünschenswert. Die Spiele könnten ihnen aber zusätzlichen finanziellen Spielraum und mehr Tempo verschaffen. Genau da liegt der Haken: Deutschland hat bei großen Verkehrs- und Infrastrukturprojekten wiederholt Verzögerungen und Kostenprobleme erlebt. Der Berliner Flughafen eröffnete 2020 mit neun Jahren Verspätung. Für Stuttgart 21 werden derzeit eine Fertigstellung 2031 und Kosten von 14,5 Milliarden Euro genannt. Auch die zweite Münchner S-Bahn-Stammstrecke gilt als problematisches Milliardenprojekt; ob sie bis 2036 abgeschlossen ist, bleibt ungewiss.
Der kurzfristige Wunsch ist deshalb erstaunlich bodenständig: zunächst mehr pünktliche Züge. Nicht glamourös, aber für Pendler zwischen Augsburg und München vermutlich wichtiger als jede Olympia-Fanfare.
Nordring, Hauptbahnhof und alte Gleise
Nach dem Stand vom 30. September 2026 sind die meisten Verkehrsplanungen für mögliche Olympische Spiele 2036 oder 2040 noch nicht konkret auf die Spiele ausgerichtet. Es gibt vor allem Vorschläge und Grobplanungen. Dazu gehört der S-Bahn-Nordring, eine geplante West-Ost-Verbindung im Münchner Norden. Möglich wäre eine Strecke von Karlsfeld mit Anschluss an die S2 über eine bestehende Güterzugstrecke bis zum S-Bahnhof Englschalking.
Die Verbindung soll ein geplantes Olympisches Dorf sowie einen später vorgesehenen Stadtteil im Raum Englschalking/Daglfing erschließen. Die DB InfraGO plant derzeit allerdings lediglich eine Pendel-S-Bahn zwischen Karlsfeld, dem BMW-Forschungszentrum und dem Euroindustriepark. Beide neuen Stationen müssen noch gebaut werden. Planungsleistungen wurden laut Bahn bereits vergeben; in Karlsfeld wäre ein zusätzlicher Bahnsteig nötig. Die Stadt schlägt außerdem einen Halt am Nordring auf Höhe der Lassallestraße vor, um das Olympiagelände von Norden an die S-Bahn anzubinden. Während der Spiele könnte dort laut Stadt eine „Olympic Lane“ auf der Schiene entstehen. Kostenschätzung: mehrere hundert Millionen Euro.
Am Hauptbahnhof hängt vieles an der zweiten Stammstrecke. Eine vollständige Modernisierung für Olympia ist erst nach deren Bau möglich, weil der unterirdische Bahnhof Teil des neuen Hauptbahnhofs wird. Laut Planung soll die zweite Stammstrecke zwischen 2035 und 2037 fertig werden. Die Deutsche Bahn nennt für den neuen Hauptbahnhof das Jahr 2038, teilweise wurde auch 2039 genannt. Am Südausgang entsteht derzeit für rund zehn Jahre ein etwa 20 Millionen Euro teurer Interimsbahnhof in Betonbauweise – Übergangslösung mit Beton, Staub und Geduld.
Vergessen ist außerdem der ehemalige Olympia-Bahnhof nicht ganz. Er wurde für die Olympischen Spiele 1972 gebaut, zweigte vom Nordring ab und ist seit 1992 stillgelegt. Teile der Gleisanlagen wurden abgebaut. Eine Reaktivierung ist im städtischen Konzept bisher nicht vorgesehen.
U-Bahn-Pläne mit großen Fragezeichen
Diskutiert wird eine Verlängerung der U4 vom Arabellapark über Englschalking bis zur Messestadt West. Die Stadt führt das Projekt in ihrem Olympia-Papier auf und veranschlagt rund 2,4 Milliarden Euro. Nach Einschätzung des Arbeitskreises Attraktiver Nahverkehr wäre die Verlängerung allerdings nur bei einer maximalen Bebauung des ehemaligen Olympischen Dorfs mit bis zu 30.000 zusätzlichen Einwohnern sinnvoll. Die Weiterführung bis zur Messestadt wird dort als unrealistisch bewertet.
Die U29 wiederum wäre ein Teilprojekt der langfristig geplanten U9 von Martinsried über Harras, Esperantoplatz, Hauptbahnhof, Pinakothek und Münchner Freiheit bis zum Garchinger Forschungszentrum. Die U9 wird derzeit mit rund 3,25 Milliarden Euro veranschlagt und wäre bis zu möglichen Olympischen Spielen nicht vollständig umsetzbar.
Die Stadt fordert deshalb konkret eine „Entlastungsspange“: den Südast zumindest ab Harras, eine neue U9-Station am Hauptbahnhof, die sich bereits im Bau befindet, sowie die Weiterführung bis zum Bahnhof Theresienstraße. Dadurch würde die U29 auf die U2-Trasse Richtung Olympiazentrum führen. Ein erstes Teilstück könnte von Harras bis zur Theresienstraße verlaufen.
Der Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr warnt allerdings, dass der gleichzeitige Bau von U29 und U4 die Verlängerung der U5 nach Freiham verzögern könnte. Bislang ist sie für Anfang bis Mitte der 2040er-Jahre geplant, möglicherweise würde sie in die 2050er-Jahre rutschen. Genannt werden begrenzte Bau- und Planungskapazitäten sowie fehlende Finanzmittel. Zwei große Projekte gleichzeitig – auf dem Papier geht das schnell, auf Münchner Baustellen eher nicht.
Tram durch den Garten und Hoffnung auf Aufbruch
Seit Langem wird eine Tramstrecke durch den Englischen Garten diskutiert. Der Freistaat als Eigentümer des Englischen Gartens hat das Vorhaben mehrfach abgelehnt. In den aktuellen Planungen der Stadt ist die Strecke nicht enthalten; Pro Bahn und der Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr führen sie weiterhin als Wunschprojekt.
Vorgesehen wäre eine Verbindung vom Olympiapark Süd durch den Englischen Garten bis nach Johanneskirchen zum geplanten Olympischen Dorf. Eine zweite Strecke könnte von Moosach mit S1-Anschluss über die Dachauer Straße und Maximiliansstraße zum Olympischen Dorf führen. Dabei würden überwiegend bestehende Tramgleise genutzt; neue Gleise wären vor allem zwischen Berg am Laim und Johanneskirchen erforderlich.
Die Olympia-Bewerbung wird auch mit der Hoffnung verbunden, Deutschland ein gemeinsames Erfolgserlebnis zu ermöglichen – ähnlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Dafür müssten München, Bayern und Deutschland die Infrastrukturprojekte zügig voranbringen. Bis dahin bleibt der Blick im Bahnbau auf die nächsten Signale gerichtet: auf den Hauptbahnhof, den Nordring, die Stammstrecke und auf Züge, die möglichst nicht wieder verspätet einfahren.
