Schleswig-Holstein plant den großen Schub für Bahn und Nahverkehr bis 2031
Schleswig-Holstein will den Nahverkehr in den kommenden Jahren kräftig ausbauen. Der neue Landesweite Nahverkehrsplan (LNVP) gilt für den Zeitraum 2027 bis 2031. Anlass ist die wachsende Nachfrage: Zwischen 2019 und 2025 stieg sie bereits um knapp 20 Prozent, einzelne Verbindungen stoßen inzwischen an ihre Kapazitätsgrenzen.
Am 7. Juli 2026 befasste sich das Kabinett mit den Inhalten. Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen und NAH.SH-Geschäftsführer Dr. Arne Beck stellten den Plan am 10. Juli 2026 öffentlich vor. Mehr Platz auf der Schiene, ein zuverlässigeres Gesamtsystem, mehr Barrierefreiheit und ein kontinuierlich besseres Nutzungserlebnis gehören zu den zentralen Zielen.
Mehr Wagen, neue Linien und kürzere Umwege
Auf den Linien RB61 Hamburg–Itzehoe und RB71 Hamburg–Wrist sollen Doppelstockzüge fahren. Längere Züge sind außerdem auf der RE1 zwischen Büchen und Hamburg sowie auf den Linien RE72 Kiel–Flensburg, RE74 Kiel–Husum und RB84 Kiel–Lübeck vorgesehen. In den Akkuzugnetzen sollen zusätzliche Fahrzeuge zum Einsatz kommen.
Zwischen Kiel und Hamburg werden Bahnsteige verlängert. So sollen bei Baustellen zwischen Neumünster und Hamburg Züge mit drei Zugteilen eingesetzt werden können. Mehr Sitzplätze klingt unspektakulär, macht aber im morgendlichen Gedränge einen gewaltigen Unterschied.
Für mehr Ausweichmöglichkeiten soll die Strecke Neumünster–Bad Segeberg–Bad Oldesloe ausgebaut werden. Geplant sind die Elektrifizierung, ein überwiegender Ausbau für bis zu 160 km/h und teilweise ein zweites Gleis. Damit entsteht eine Umleiterstrecke zwischen Neumünster und Hamburg. Zusätzlich ist die neue Linie RE78 Kiel–Neumünster–Bad Segeberg–Bad Oldesloe–Hamburg vorgesehen – stündlich und mit direkten Verbindungen zwischen Kiel und Bad Segeberg, Bad Segeberg und Hamburg sowie Bad Oldesloe und Kiel. Bei Störungen zwischen Hamburg und Kiel könnten weitere Züge über diese Strecke rollen.
Im Großraum Kiel soll die Bahnstrecke über Probsteierhagen bis zum Schönberger Strand als Regio-S-Bahn reaktiviert werden. Bis Ende 2027 sind außerdem ein stündlicher Pendelzug nach Preetz und die neue Linie RB87 vorgesehen. Sie soll Kiel-Elmschenhagen, Raisdorf, Schwentinental Ostseepark, Preetz Nord und Preetz Krankenhaus bedienen.
Auch Lübeck wird weitergedacht: Die geplanten Regio-S-Bahn-Systeme für das Umland von Kiel und Lübeck werden konkretisiert. Nach der Inbetriebnahme der Schienenanbindung zur festen Fehmarnbeltquerung sollen von Neustadt, Sierksdorf und Bad Schwartau unter anderem halbstündliche Direktverbindungen nach Hamburg entstehen.
Hamburger Umland: S5, S4 und neue Stationen
Die erweiterte S5 soll Hamburg über Quickborn und Henstedt-Ulzburg direkt mit Kaltenkirchen verbinden. Dafür wird die AKN-Strecke ausgebaut und elektrifiziert, Umstiege in Hamburg-Eidelstedt sollen entfallen. Unter der Woche ist ein 20-Minuten-Takt vorgesehen. Die Kosten werden auf 270 Millionen Euro geschätzt, die Fertigstellung ist bis Dezember 2028 geplant.
Zur Infrastruktur im Ballungsraum gehören außerdem der Ausbau des Knotens Elmshorn und zwei zusätzliche Gleise auf der Strecke Elmshorn–Pinneberg. Neue Stationen sind Elmshorn Süd und Pinneberg Nord. Auch die Bahnstrecke Hamburg-Bergedorf–Geesthacht soll reaktiviert werden.
Die S4 soll von Hamburg über Ahrensburg und Bargteheide bis Bad Oldesloe verlängert beziehungsweise ausgebaut werden. Die vollständige Inbetriebnahme ist für 2029 vorgesehen. Teile des Projekts befinden sich bereits im Bau, andere im Planfeststellungsverfahren. Als Kosten werden 1,8 Milliarden Euro genannt; zugrunde liegt der Kostenstand von 2018.
Das Land Schleswig-Holstein beschreibt das Vorhaben als rund 36 Kilometer lange Strecke, die vor allem den Nahverkehr verbessern, den stark frequentierten Hamburger Hauptbahnhof entlasten und die Hinterlandanbindung im Zusammenhang mit der Festen Fehmarnbeltquerung stärken soll. Zwischen Hamburg-Hasselbrook und Ahrensburg entstehen auf 17 Kilometern zwei zusätzliche Gleise. Zwischen Ahrensburg und kurz hinter Ahrensburg-Gartenholz ist auf rund drei Kilometern eine neue eingleisige Strecke geplant.
Vorgesehen sind vier neue S-Bahn-Stationen in Hamburg sowie die neue S-Bahn-Haltestelle Ahrensburg-West in Schleswig-Holstein mit Umstieg zur U-Bahn. Der Bund stufte das Projekt im November 2018 in den „Vordringlichen Bedarf“ des Bundesverkehrswegeplans (BVWP) hoch. Die Gesamtkosten betragen 1,847 Mrd. €. Schleswig-Holstein übernimmt etwa fünf Prozent; die Finanzierung soll aus dem Infrastrukturprogramm IMPULS erfolgen. Für den ersten Abschnitt zwischen Hamburg-Hasselbrook und Luetkensallee erteilte das Eisenbahn-Bundesamt im August 2020 den Planfeststellungsbeschluss.
Westlich von Hamburg bleibt es ebenfalls eng. Die Strecke zwischen Hamburg und Elmshorn gehört zu den meistbefahrenen in Schleswig-Holstein. Dort treffen Jütlandbahn, Marschbahn und weitere Regionalzüge nach Hamburg zusammen, was regelmäßig zu erheblichen Verspätungen führt. Eine durchgehende S4 bis Elmshorn ist im Rahmen des „Achsenkonzepts“ geplant; zusätzliche Verkehre sind derzeit nicht möglich.
Ab Ende 2022 sollten neue Doppelstockzüge eingesetzt werden. Dadurch sollte die Kapazität schrittweise bis 2027 um 50 Prozent steigen. Nach Fertigstellung des neuen Bahnhofs Altona Nord im Jahr 2025 sollte ganztägig ein Regionalbahn-Halbstundentakt zum Hamburger Hauptbahnhof eingeführt werden. Mittelfristig ist ein Ausbau der Infrastruktur vorgesehen. Der Bund stufte 2018 zumindest das Projekt „4. Bahnsteigkante in Elmshorn“ in den „Vordringlichen Bedarf“ des BVWP hoch. Das Land stellte insgesamt 20 Mio. € für weitere Planungen bereit; NAH.SH soll unter anderem die Planung für ein drittes und viertes Gleis aufnehmen. Ziel ist der Betrieb einer Express-S-Bahn.
Flensburg und die Westküste
Flensburg soll einen neuen Innenstadtbahnhof am ZOB beziehungsweise an der Hafenspitze erhalten. Hinzu kommen ein Bahnhof Flensburg-Weiche für Fern- und Regionalverkehr sowie weitere Haltepunkte an der Exe und am Zentralkrankenhaus. Die Innenstadt wäre damit besser per Bahn erreichbar. Die Kosten werden auf etwa 100 Millionen Euro geschätzt, ein konkreter Umsetzungstermin steht noch nicht fest.
Schon zuvor soll Flensburg durch die geplante Flügelung des RE74 Kiel–Husum/Flensburg in Jübek eine zusätzliche stündliche Verbindung mit Kiel bekommen. Für die Marschbahn zwischen Hamburg-Altona und Westerland auf Sylt sind weitere Verbesserungen an Infrastruktur und Zugangebot vorgesehen. Die Strecke soll elektrifiziert werden. Eine Diesellok verbraucht dort laut Nah.SH rund 1.200 Liter Treibstoff; jährlich sollen durch die Elektrifizierung 65.000 Tonnen Kohlendioxid und 15 Millionen Liter Diesel eingespart werden. Die Kosten für Bund und Land werden auf 745 Millionen Euro geschätzt, die Inbetriebnahme ist für 2030 geplant.
Im Raum Niebüll sollen zuvor neue Stellwerke in Betrieb gehen. Zwischen Niebüll und Westerland ist ein zweigleisiger Ausbau vorgesehen; beide Vorhaben sind Bundesprojekte. Nach der Elektrifizierung sollen die Linien RB61 und RB62 miteinander verbunden werden. Wrist, Burg (Dithmarschen), St. Michaelisdonn und Meldorf bekämen dann regelmäßige Direktverbindungen nach Hamburg. Weitere Stationen sollen entstehen.
Die Marschbahn steht dabei in einer größeren Kette klimafreundlicher Projekte. Nach der Elektrifizierung der Strecken nach Büsum und Bad St. Peter-Ording durch Akkuzüge und Oberleitungsinselanlagen soll auch die Marschbahn elektrifiziert werden. Geplant sind außerdem die Umstellung des restlichen AKN-Netzes auf Akkuzüge und die Elektrifizierung der Strecke Niebüll–Dagebüll. Nach Fertigstellung der Schienenanbindung zur festen Fehmarnbeltquerung soll Schleswig-Holstein vollständig elektrifiziert sein.
Busverkehr, Barrierefreiheit und die offene Rechnung
Die Grünen-Abgeordnete Sybilla Nitsch bewertet den Nahverkehrsplan gemischt. Den Bahnausbau in der Flensburger Innenstadt begrüßt sie, zugleich kritisiert sie, dass der Busverkehr zu wenig berücksichtigt werde. Steigenden Busverkehrskosten stehe ein unverändertes Budget gegenüber.
FDP-Fraktionschef Christopher Vogt fordert, dass
