In Duisburg wird der nächste große Schritt für eine klimaverträglichere Stahlproduktion vorbereitet. Jacobs Solutions (ISIN: US46982L1089, WKN: A3DTNN, Ticker: J) hat am 23.09.2026 seine Rolle beim Infrastrukturprojekt von thyssenkrupp Steel erweitert. Das US-Unternehmen unterstützt den Bau einer direktreduzierenden, wasserstofffähigen Stahlwerksanlage und übernimmt Aufgaben im Projektmanagement sowie im Bau- und Montage-Management.

Eine konkrete Auftragssumme wurde nicht genannt. Fest steht aber: Jacobs bleibt nicht bloß am Rand des Geschehens. Das Unternehmen verlängert seine Tätigkeit als Projektmanagementbüro (PMO), in der Bauleitung und in der Montageleitung. Den ursprünglichen Auftrag für Programm- und Baumanagement hatte Jacobs im August 2023 erhalten.

Koordination auf einer Baustelle mit vielen Schnittstellen

Zu den fortgesetzten Aufgaben gehört die Koordination von Planung, Logistik und Bauausführung. Vor Ort überwacht Jacobs die Bauarbeiten, die Logistik, die Qualitätssicherung sowie Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltleistungen – in Zusammenarbeit mit thyssenkrupp. Auch die Montagelogistik und der Materialfluss zwischen den beteiligten Auftragnehmern laufen über diese Schnittstellenarbeit. Das klingt trocken, ist auf einer Baustelle dieser Größe aber der Stoff, an dem Termine und Nerven hängen.

Nach Fertigstellung soll die Anlage voraussichtlich rund 2,5 Millionen Tonnen direktreduziertes Eisen (DRI) pro Jahr produzieren. Kohlebefeuerte Hochöfen sollen dabei durch einen wasserstoffbasierten Prozess ersetzt werden. thyssenkrupp bezeichnet Jacobs als Partner bei der Koordination der zahlreichen Schnittstellen des komplexen Projekts.

Das Vorhaben ergänzt Jacobs’ Aktivitäten im deutschen Energie- und Infrastrukturbereich. Dazu zählt auch ein siebenjähriger multidisziplinärer Rahmenvertrag mit TransnetBW zur Unterstützung des deutschen Netzausbaus und des Projekts SuedLink. SuedLink gehört zu den längsten unterirdischen Hochspannungsverbindungen der Welt. In Deutschland beschäftigt Jacobs mehr als 300 Mitarbeitende an drei Standorten und unterstützt Projekte zur Energiewende, industriellen Dekarbonisierung und kritischen Infrastruktur.

Große Baustelle in Duisburg-Walsum

Die Projektleitung bei thyssenkrupp Steel übernahm im Frühjahr 2023 Markus Wischermann, der zuvor für die Roheisenerzeugung verantwortlich war. Sein Team koordiniert aktuell die vorbereitenden Arbeiten auf dem Baufeld in Duisburg-Walsum, darunter die behördlichen Genehmigungen für das Anlagenfundament. Außerdem bündelt die Projektleitung die beteiligten Unternehmen und Abteilungen und erstellt eine detaillierte Ablaufstruktur für die Bauphase.

Ab Januar 2024 sollte auf dem Hafengelände innerhalb von drei Jahren ein Industriekomplex entstehen. Die höchsten Bauwerke sollen dabei nahezu die Höhe der Türme des Kölner Doms erreichen. Im Spätsommer 2023 wurde das Baufeld vorbereitet; Bagger entfernten die letzten Überreste eines ehemaligen Brammenlagers. Ab 2024 sollten rund 1.500 Beschäftigte verschiedener Unternehmen drei Jahre lang gleichzeitig auf der Baustelle arbeiten.

Die SMS Group verantwortet den Anlagenbau und die technologischen Details. Ein Generalunternehmer errichtet die Fundamente und plant sowie baut weitere Gebäude. Beschäftigte von thyssenkrupp Steel kümmern sich unter anderem um Verkehrswege und Lager für die Versorgung mit Energie und Materialien. Geplant werden außerdem die Anlieferung und Zwischenlagerung von Material, künftige Instandhaltungsprozesse und die Arbeitssicherheit.

Im „Green Transformation Office“ stimmen sich Teams aus verschiedenen Abteilungen regelmäßig über den Projektfortschritt ab. Die Nachbarschaft informiert thyssenkrupp Steel in regelmäßigen Bürgerdialogen. Dr. Matthias Weinberg leitet das Competence Center Metallurgy und vertritt im Transformationsprojekt die technologische Perspektive.

Wasserstoff, Schmelzaggregate und viel Forschungsarbeit

Weinbergs elfköpfiges Team erarbeitet die Grundlagen für den wasserstoffbasierten Betrieb der Direktreduktionsanlage und der angeschlossenen Einschmelzaggregate. Fachleute aus Chemie, Metallurgie, Maschinenbau, Verfahrens- und Elektrotechnik arbeiten dabei zusammen. In Versuchsreihen untersuchen sie, wie sich Wasserstoff im Reaktor verhält und wie unterschiedliche Einsatzstoffe Reaktionsgeschwindigkeit und Produktqualität beeinflussen.

Eine Direktreduktionsanlage dieser Größe wurde laut thyssenkrupp Steel bislang noch nicht mit Wasserstoff betrieben. Die Kombination aus Direktreduktionsanlage und Einschmelzaggregaten bezeichnet das Unternehmen als weltweit erstmalig, als „first of its kind“. Die Direktreduktionstechnologie selbst ist allerdings nicht neu. thyssenkrupp Steel betrieb bereits in den 1980er-Jahren eine erdgasbetriebene Direktreduktionsanlage mit einer Jahresproduktion von 100.000 Tonnen Roheisen.

Wasserstoff galt lange als zu teuer für den industriellen Einsatz und wurde deshalb überwiegend in der akademischen Forschung untersucht. Einige Entwicklungsfragen bearbeitet thyssenkrupp Steel in werkseigenen Laboren, für größere Versuchsmaßstäbe nutzt das Unternehmen Anlagen von Partnern.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Übertragung von Erkenntnissen aus Einschmelzaggregaten auf die Roheisenerzeugung. Anders als klassische Elektrolichtbogenöfen sollen diese Aggregate Direct-Reduced Iron kontinuierlich mithilfe von Strom einschmelzen. Wie beim Hochofen müssen flüssiges Metall und Schlacke abgestochen werden. Das Verfahren kommt in der Nichteisenmetallurgie etwa bei der Herstellung von Ferronickel und Ferromangan zum Einsatz, dort allerdings mit höheren Schlackenanteilen. Für Roheisen müssen wichtige Prozessparameter daher neu eingestellt werden.

Die gewählte Kombination soll mit unterschiedlichen Eisenerzqualitäten zurechtkommen, weil Schlacke in den Schmelzanlagen keine wesentlichen Probleme verursacht. thyssenkrupp Steel wäre dadurch nicht ausschließlich auf besonders hochwertige Eisenpellets angewiesen. Bei solchen Pellets zeichnet sich nach Angaben des Unternehmens bereits ein Engpass mit steigendem Preisdruck ab. Statt primär in spezielle Erze will thyssenkrupp Steel in Fachwissen investieren.

Gesucht sind Fachkräfte, die Grundlagen und Rahmenbedingungen des neuen Verfahrens entwickeln und ihr Wissen im Unternehmen weitergeben. Spezifische Wasserstoffkenntnisse sollen alle relevanten Beschäftigten erwerben – vom Vorstand bis zum Leitstandpersonal. Henning Weege ist als Head of Hydrogen & Green Energy für die Beschaffung des künftigen Wasserstoffbedarfs zuständig.

Leitungen, Lieferverträge und ein enger Zeitplan

Die offizielle Ausschreibungsphase für Wasserstofflieferungen sollte zum damaligen Zeitpunkt kurz bevorstehen. Ziel war, im Folgejahr verbindliche Verträge abzuschließen; den Lieferanten sollten anschließend etwa drei Jahre zum Aufbau von Produktions- und Transportkapazitäten bleiben.

thyssenkrupp Steel will die Infrastruktur im Rhein-Ruhr-Gebiet nutzen, wo bereits ein weit verzweigtes Erdgasleitungsnetz besteht. Über das Projekt GET H2 entsteht ein öffentlich zugängliches Wasserstoffnetz von Lingen in Niedersachsen bis Gelsenkirchen. In Lingen soll künftig mithilfe von Wind- und Solarenergie grüner Wasserstoff erzeugt und ins Ruhrgebiet transportiert werden.

GET H2 ist Teil des bundesweiten Wasserstoff-Kernnetzes, das bis 2032 große Wasserstoffproduzenten mit industriellen Verbrauchern verbinden soll. Das Kernnetz soll voraussichtlich zu 60 Prozent aus umgewidmeten Erdgasleitungen bestehen; weitere Lücken sollen durch neue Leitungen geschlossen werden. Dazu zählt die rund 40 Kilometer lange Wasserstoffpipeline DoHa zwischen Dorsten und Duisburg-Hamborn. Sie soll in das regionale Wasserstoffnetz integriert und 2027 in Betrieb genommen werden.

Der Zeitplan passt zur geplanten Inbetriebnahme der Direktreduktionsanlage. Nach einer schrittweisen Umstellung soll sie ab 2029 vollständig mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Dafür müssen unter anderem Regeln zu Netzentgelten und zur Verteilung der Risiken beim Netzausbau festgelegt werden. Weege fordert regulierende Rahmenbedingungen, die den Markt für alle Beteiligten fair und transparent gestalten.

Für eine stabile Versorgung braucht es außerdem ausreichend Speicher, damit Schwankungen bei der Produktion erneuerbarer Energie ausgeglichen werden können. Ohne ausreichende Speicher könnte vorübergehend blauer Wasserstoff nötig sein, um Produktionsschwankungen abzufedern. Das Projektteam rechnet trotz detaillierter Planung mit weiteren Unwägbarkeiten und will mögliche Probleme frühzeitig erkennen und lösen.

Jacobs-Zahlen und die Aktie

Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 meldete Jacobs einen Bruttoumsatz von 4,08 Mrd. USD. Das waren 34,50 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Der bereinigte Nettoumsatz stieg um 8,30 Prozent auf 2,42 Mrd. USD