Baugenehmigungen steigen, doch Deutschlands Wohnungsbau bleibt im Rückstand
Deutschlands Wohnungsbau kommt wieder etwas in Bewegung. Im August wurden 20.600 Wohnungen genehmigt – 6,8 Prozent mehr als im August des Vorjahres. Schon im ersten Halbjahr hatte die Zahl der Genehmigungen um gut 15 Prozent zugelegt. Von Januar bis August summierten sie sich auf 169.400 Wohnungen, ein Plus von 12,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Das klingt erst einmal nach einem kräftigen Schritt nach vorn. Doch der Blick zurück bremst die Freude: Im gleichen Zeitraum des Jahres 2021 waren mehr als 250.000 Wohnungen genehmigt worden. Nach Angaben des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe liegen außerdem rund 450.000 bereits genehmigte Wohnungen auf Eis, weil sich ihre Errichtung für viele Bauherren wirtschaftlich nicht rechnet.
Mehr Genehmigungen, aber noch keine Entwarnung
Am stärksten legten die Genehmigungen für Zweifamilienhäuser zu – um 21,7 Prozent. Bei Mehrfamilienhäusern betrug der Anstieg 14,5 Prozent, bei Einfamilienhäusern 7,8 Prozent. Das sind erfreuliche Zahlen, sie ändern aber wenig daran, dass in Deutschland Schätzungen zufolge mehr als eine Million Wohnungen fehlen. Besonders in Großstädten herrscht Wohnungsnot, eine weitere Verschärfung wird erwartet.
Die Zahlen aus einer weiteren Auswertung für 2025 fallen etwas anders aus: Im August 2025 wurden rund 19.300 Wohnungen genehmigt, 5,7 Prozent beziehungsweise etwa 1.000 mehr als im August 2024. Von Januar bis August 2025 waren es 151.200 Wohnungen, einschließlich Neubauten und neuer Wohnungen in bestehenden Gebäuden. Das entsprach einem Zuwachs von 6,5 Prozent; bei Neubauten lag das Plus bei 7,6 Prozent.
Bei Einfamilienhäusern stieg die Zahl der Genehmigungen in diesem Zeitraum um 15,5 Prozent auf 29.300. Für Mehrparteienhäuser wurden 79.100 Neubauwohnungen genehmigt, 4,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bei Zweifamilienhäusern gingen die Genehmigungen dagegen um 5,3 Prozent zurück. Zahlen, die nebeneinanderstehen und sich trotzdem nicht ganz glatt anfühlen.
Felix Pakleppa vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe bezifferte den Rückstand bis August 2025 gegenüber 2021 noch auf rund 100.000 Wohnungen. Um den jährlichen Bedarf von mehr als 300.000 Wohnungen zu decken, sei wieder das Genehmigungsniveau von 2021 nötig. Der Einfamilienhausbau war bis Ende 2024 gegenüber 2021 um 60 Prozent eingebrochen. Baugenehmigungen gelten deshalb als wichtiger Indikator für die Entwicklung des Wohnungsmangels – und der langfristige Trend zeigt seit Mitte der 1990er-Jahre deutlich nach unten.
Der Bau-Turbo soll Verfahren abkürzen
Die Bundesregierung will mit schnelleren Genehmigungsverfahren gegensteuern. Der Bundesrat billigte den sogenannten „Bau-Turbo“. Das Gesetz sieht eine zunächst auf fünf Jahre befristete Sonderregelung im Baugesetzbuch vor. Kommunen können zusätzliche Wohnungen nach einer dreimonatigen Prüfung genehmigen, ohne zuvor einen aufwendigen Bebauungsplan aufzustellen.
In begründeten Fällen sollen Abweichungen von Lärmschutzvorgaben möglich sein. Erleichtert werden sollen außerdem Bauvorhaben in zweiter Reihe oder auf Supermarktgebäuden. Bauverbände begrüßten die Regelung, verlangten aber, dass Kommunen sie auch aktiv anwenden. Sonst bleibt der Turbo womöglich im Leerlauf – und das wäre bei der derzeitigen Wohnungslage ziemlich bitter.
Weitere Maßnahmen seien nötig, darunter mehr Fördermittel sowie Änderungen bei Normen und Vorgaben, die Baukosten erhöhen oder Bauvorhaben verzögern. Verbesserte Zinskonditionen für zwei Förderprogramme der staatlichen KfW wurden ebenfalls begrüßt. Allein reichen sie nach Einschätzung der Verbände jedoch nicht für eine Trendwende am Wohnungsmarkt.
Auch die Förderung für energieeffiziente Neubauten wurde aufgestockt. Gleichzeitig verteuern höhere Finanzierungskosten infolge von Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank und gestiegene Energiepreise die Vorhaben. Im Wohnungsbau verschlechterte sich das Geschäftsklima laut ifo-Institut im September auf minus 25,1 Punkte, nach minus 22,5 Punkten im August.
Hohe Preise bremsen Bauherren aus
2025 wurden 206.600 Wohnungen fertiggestellt – so wenige wie seit 2012 nicht mehr. Bereits 2024 waren rund 216.000 Wohnungen fertiggestellt worden, knapp 14 Prozent weniger als 2023. Das Ziel der Ampel-Koalition von jährlich 400.000 neuen Wohnungen wurde damit verfehlt.
Als Gründe gelten gestiegene Baupreise, höhere Energiepreise, Inflation, Lieferengpässe und teureres Baumaterial. Die Preise für neue Wohngebäude lagen 2024 knapp 3 Prozent über dem Vorjahresniveau. Den höchsten Anstieg gab es 2022 mit bis zu 16 Prozent. Kein Wunder, dass bei vielen Bauherren irgendwann der Taschenrechner lauter spricht als der Wunsch nach dem Spatenstich.
Der Umsatz im Wohnungsbau sank 2024 auf rund 51 Milliarden Euro. Bis 2022 war er kontinuierlich gestiegen, seitdem geht er jährlich zurück. Auch die Auftragseingänge gingen in den vergangenen zwei Jahren stark zurück. Als Hauptgrund für den Nachfrageeinbruch werden die hohen Neubaupreise für Wohngebäude genannt.
Gemessen am Umsatz bleibt der Wohnungsbau dennoch eine wichtige Sparte des deutschen Bauhauptgewerbes. Zuletzt entfiel knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes auf diesen Bereich. Die Investitionen in den Wohnungsbau stiegen sogar: 2024 lagen sie bei rund 281 Milliarden Euro, mehr als 60 Prozent der Bauinvestitionen flossen damit in den Wohnungsbau.
Mehr als zwei Drittel der Baugenehmigungen entfielen auf private Haushalte. Gerade dort wirkt der Kostenschub direkt. Besonders stark sank die Zahl der Einfamilienhäuser: 2024 wurden knapp halb so viele gebaut wie noch zwei Jahre zuvor. Der Rückgang der Genehmigungen führt zu weniger Aufträgen im Wohnungsbau – ein Kreislauf, der sich nur schwer aufbrechen lässt.
Hoffnung auf 2026 und eine neue Gesellschaft
Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung erwartet, dass die Bauwirtschaft 2026 wieder stärker zur Konjunktur beitragen könnte. Für das Gesamtjahr 2025 wird noch ein Rückgang der Bauwirtschaft erwartet, 2026 dürften Bauinvestitionen und Bauproduktion jedoch deutlich steigen. Für eine spürbare Entspannung auf dem Wohnungsmarkt reicht die aktuelle Bautätigkeit laut Dullien voraussichtlich nicht aus.
Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) kündigte für 2027 eine bundeseigene Wohnungsbaugesellschaft an. Sie soll den Bau bezahlbaren Wohnraums vorantreiben. Der Bund soll 51 Prozent der Anteile halten, externe Investoren sollen 49 Prozent übernehmen.
Die neue Bundesregierung plant ebenfalls, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und den Bau von Miet- und Sozialwohnungen zu fördern. Verkürzte Genehmigungsverfahren durch den „Bau-Turbo“ sollen den Wohnungsbau erleichtern und der Wohnungsknappheit entgegenwirken. Ob daraus bald Baustellen werden, entscheidet sich allerdings nicht nur in Amtsstuben, sondern auch bei Finanzierung, Materialpreisen und auf den Grundstücksmärkten.
Der Wohnungsbau hat dabei eine lange Vorgeschichte. 2023 wurden insgesamt etwa 216.000 neue Wohnungen genehmigt; die Baugenehmigungen für neue Wohngebäude sanken auf den niedrigsten Stand der vergangenen 30 Jahre. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist die Zahl der Genehmigungen stark zurückgegangen. Steigende Baukosten trugen in den vergangenen Jahren zum Rückgang des Genehmigungsvolumens bei.
Der Artikel von René Muschter wurde am 17. Dezember 2025 veröffentlicht. Die jüngeren Genehmigungszahlen zeigen nun zwar nach oben, doch auf den Baustellen fehlen vielerorts weiterhin Gerüste, Arbeiter und vor allem bezahlbare Projekte. Und in den Städten wächst der Druck schneller, als neue Wohnungen fertig werden.
