Möbelindustrie unter Druck: Chinas Importe, schwache Nachfrage und stockender Wohnungsbau verschärfen die Krise
Wer heute ein Möbelhaus betritt, findet dort längst nicht mehr nur Ware aus deutscher oder europäischer Produktion. Über 60 Prozent der in Deutschland verkauften Möbel stammen laut Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) aus dem Ausland. China ist inzwischen der wichtigste Möbelimporteur: Im ersten Halbjahr 2026 kamen Möbel im Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro aus der Volksrepublik nach Deutschland.
Die chinesischen Möbelverkäufe legten zwischen 2017 und 2025 um 81 Prozent zu. Die Ware landet vor allem in großen Möbelhäusern, bei Versandhändlern und Discountern – und wird von dort teilweise in andere europäische Länder weitergeliefert. Für die deutsche Möbelindustrie ist das ein ohnehin unangenehmer Druckpunkt in einer Zeit, in der die Nachfrage bereits seit Jahren nachlässt.
China drängt nach Europa
VDM-Hauptgeschäftsführer Jan Kurth beobachtet, dass China seine Produktion nach Europa verlagert, nachdem der US-Markt wegen Zöllen weitgehend verschlossen sei. Die deutsche Möbelindustrie fordert deshalb Schutzzölle von der Europäischen Union. Kurth verweist auf staatliche Steuerung und Subventionen der chinesischen Produktion sowie auf eine massiv unterbewertete chinesische Währung. Die Importzunahme sei kein Zufall.
Mit Politikern gebe es bereits konkrete Gespräche über allgemeine Schutzzölle. Sie sollen den industriellen Kern Deutschlands und anderer europäischer Länder mit bedeutender Möbelproduktion schützen. Offen ist allerdings, ob solche Zölle auf fertige Möbel, auf Vorprodukte oder auf beides erhoben würden – und wie hoch sie ausfallen könnten. Die bestehenden Anti-Dumping-Verfahren seien laut Kurth zu langsam und nicht ausreichend wirksam.
Nach China folgt Polen mit gut 1,5 Milliarden Euro Importvolumen im ersten Halbjahr 2026. Dort produzieren allerdings auch deutsche Möbelhersteller. Die Grenzen zwischen „Import“ und „heimischer“ Wertschöpfung sind in der Branche also nicht immer so sauber, wie es auf den ersten Blick scheint.
In die USA exportierte die deutsche Möbelindustrie im ersten Halbjahr 2026 zugleich 15 Prozent weniger. Der US-Markt hatte zuvor als besonders wachstumsstark gegolten. Für viele Unternehmen fällt damit ein wichtiger Absatzkanal ausgerechnet dann zurück, wenn der Heimatmarkt schon schwächelt.
Weniger Umsatz, weniger Käufe
Der Branchenumsatz in Deutschland lag im ersten Halbjahr 2026 bei rund 7,7 Milliarden Euro. Nominal waren das 2,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Auslandserlöse blieben stabil, während das Inlandsgeschäft um mehr als 4 Prozent sank; nach Angaben aus der Branche betrug der Rückgang 4,1 Prozent.
Nahezu alle Segmente verloren: Wohn- und Polstermöbel, Büroeinrichtungen und Matratzen. Bei Polstermöbeln gingen die Umsätze um 10 Prozent zurück, die Auftragseingänge zwischen Januar und Juni sogar um 10,5 Prozent. Küchenmöbel hielten dagegen – ihre Erlöse stiegen um 1 Prozent, die Auftragseingänge um 0,9 Prozent. Fast jede zweite in Deutschland produzierte Küche wird exportiert.
Die Verkaufszahlen im Inland gehen bereits das vierte Jahr in Folge zurück. 2025 sanken die Erlöse zum dritten Mal hintereinander und erreichten den niedrigsten Stand seit 2009. Zwischen 2023 und 2026 verlor die Branche rund 20 Prozent ihres Umsatzes. Ein Teil der Erklärung liegt in der Pandemie: Viele Käufe wurden vorgezogen, der Bedarf war in zahlreichen Haushalten danach erst einmal gedeckt.
Philipp Hoog von der Handelsberatung BBE beobachtet, dass Verbraucher seltener Möbel kaufen und größere Anschaffungen verschieben. Lebensmittel, Energie und Gesundheit verschlingen mehr Geld, gleichzeitig wächst die Sorge vor weiteren Preissteigerungen. Auch Reisen und Freizeit belasten die Haushaltsbudgets. Dazu kommt geopolitische Unsicherheit – kein ideales Klima für ein neues Sofa oder eine komplette Schlafzimmereinrichtung.
Möbel und Leuchten waren im Juli 0,5 Prozent günstiger als ein Jahr zuvor. Ikea kündigte Preissenkungen für mehr als 1.500 Produkte in seinen europäischen Einrichtungshäusern an, darunter Billy- und Kallax-Regale sowie Küchenutensilien. Die Inter Ikea Group will dafür 1,2 Milliarden Euro aufwenden. Billiger einkaufen hilft kurzfristig, löst aber nicht automatisch die strukturellen Probleme der Hersteller.
Der Wohnungsbau bremst mit
Ein weiterer Bremsklotz steht dort, wo normalerweise neue Nachfrage entstehen sollte: auf den Baustellen. Zwar steigt die Zahl der Baugenehmigungen wieder, doch die Fertigstellungen bleiben niedrig. Das Ifo-Institut erwartet für 2026 rund 185.000 fertiggestellte Wohnungen. Der Bedarf liegt laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung bei etwa 320.000 neuen Wohnungen jährlich.
Wo Wohnungen nicht fertig werden, fehlen Küchen, Schränke, Betten und komplette Einrichtungen. Gleichzeitig gelten steigende Material-, Energie- und Lohnkosten, ein schwaches Konsumklima, der rückläufige Wohnungsbau und der internationale Wettbewerb als zusätzliche Belastungen. VDM-Chef Kurth erwartet für das laufende Jahr keine spürbare Belebung und rechnet 2026 mit einem Umsatzrückgang der Möbelindustrie von rund 3 Prozent.
Die Folgen werden in den Betrieben konkreter. 40 Prozent der befragten Verbandsmitglieder planen im dritten Quartal Kurzarbeit, knapp 30 Prozent erwägen Stellenabbau. Für einzelne Unternehmen ist die wirtschaftliche Lage existenzbedrohend. Der VDM zählt noch 374 Möbelbetriebe.
Handel sortiert sich neu
Nicht nur die Hersteller kämpfen, auch der Möbelhandel befindet sich in einer Konsolidierungsphase. XXXLutz plant die Übernahme des Konkurrenten Porta. Der Plan wurde im Januar 2025 angekündigt, seitdem läuft eine kartellrechtliche Vorprüfung. Nach Informationen der Zeitung will XXXLutz die Übernahme am 7. September bei der EU-Kommission anmelden.
Die EU-Kommission hätte zunächst 25 Arbeitstage für die Prüfung. Gibt es erhebliche Wettbewerbsbedenken, könnte eine zweite Prüfphase mit weiteren 90 Arbeitstagen folgen; bei komplexen Fällen ist eine Verlängerung möglich. XXXLutz und Porta rechnen nach eigenen Angaben nicht mit größeren Problemen.
Der VDM lehnt die Übernahme ab. Aus Sicht des Verbandes würde sie das bestehende Machtungleichgewicht zwischen mittelständischen Herstellern und großen Handelsunternehmen weiter verstärken. Gerade Hersteller, die ohnehin mit sinkenden Margen und ausländischer Konkurrenz ringen, schauen auf solche Konzentrationsprozesse naturgemäß ziemlich genau.
Ein wenig Bewegung verspricht der Messekalender: Ende Oktober finden in Köln die Möbelmessen Orgatec und IDD Cologne statt, im Januar folgt die B2B-Messe IMM Cologne. Dort wird es vermutlich um neue Produkte gehen, aber ebenso um Preise, Lieferketten und die schlichte Frage, wer in diesem Markt künftig noch ausreichend Luft zum Atmen hat.
