Am 1. Oktober 2026 wirkt die deutsche Autoindustrie wie eine Großbaustelle: An manchen Stellen wird noch erweitert, an anderen bereits abgetragen. Volkswagen hat nach eigenen Angaben fast alle Tarifverträge gekündigt. Als Grund nennt der Konzern den verschärften Wettbewerbsdruck. Für Beschäftigte ist das keine Kleinigkeit, denn auch die Gehälter könnten davon betroffen sein.

Die früher als besonders komfortabel geltenden Arbeitsbedingungen in der deutschen Autoindustrie geraten damit weiter unter Druck. Mercedes erwägt längere Arbeitszeiten und mehr Präsenzarbeit, BMW baut Managementstellen ab. Bei Volkswagen stehen die Haustarifverträge zur Disposition. Was auf dem Papier nach Personal- und Vertragsfragen klingt, reicht im Alltag bis in die Küche, zur Miete und zum Kontoauszug.

Zwischen Preissorgen und brüchigem Aufstiegsversprechen

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung verweist zugleich auf die Inflation: Im September stieg sie auf 3,3 Prozent. Steigende Preise gelten als große Sorge der Bevölkerung. Allerdings seien Löhne und Mindestlöhne in den vergangenen Jahren mindestens ebenso stark gestiegen wie die Preise. Beides kann gleichzeitig stimmen – und genau das macht die Lage so schwer greifbar. Auf dem Papier ist der Ausgleich da, im Supermarkt fühlt sich die Rechnung trotzdem oft kräftiger an als früher.

Der Tagesspiegel beschreibt dahinter strukturelle Probleme. Das mit Erwerbsarbeit verbundene Versprechen von Wohlstand, Aufstieg und Sicherheit sei brüchiger geworden. Bezahlbarer Wohnraum ist in Großstädten schwer zu finden; Eigentum, ausreichende Altersvorsorge und eine bessere Zukunft erscheinen vielen Menschen unerreichbar. Wer morgens zur Arbeit fährt, hat deshalb nicht automatisch das Gefühl, irgendwo anzukommen.

Weniger Arbeit – oder bessere Bedingungen?

Eine Studie des HDI, über die die Süddeutsche Zeitung berichtet, zeigt: Viele Menschen wünschen sich weniger Erwerbsarbeit. Gemeint sind dabei die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen. Die Gründe für diesen Wandel sollten untersucht werden, statt Teilzeitarbeit pauschal zu kritisieren. Das ist ein wichtiger Unterschied. Nicht jede kürzere Arbeitszeit ist Bequemlichkeit, manchmal ist sie schlicht der Versuch, zwischen Pendeln, Familie, Erschöpfung und einem halbwegs normalen Leben noch Luft zu behalten.

Für ein Bauprojekt kann diese Entwicklung kaum nebensächlich sein. Wenn Arbeitsplätze unsicherer werden, Löhne unter Druck geraten und Wohnraum knapp bleibt, verändert sich auch die Frage, wer sich eine Wohnung, eine Sanierung oder Eigentum überhaupt leisten kann. Auf der Baustelle sieht man davon zunächst nur Material, Staub und lange Listen. Dahinter stehen aber Menschen, deren Arbeitswelt sich gerade neu sortiert.

Beschäftigung sinkt vor allem bei Zulieferern

Wie groß der Wandel in der Branche bereits ist, zeigen die Beschäftigungszahlen des Verbands der Automobilindustrie. Nach dem Stand vom 20. August 2025 sank die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie 2024 im Jahresdurchschnitt um 1 Prozent auf 772.900 Personen. Damit setzte sich der seit 2019 bestehende Beschäftigungsrückgang nach einer Unterbrechung im Jahr 2023 fort.

Seit dem Beschäftigungsrekord während der Hochkonjunktur 2018 ist die Beschäftigung um knapp 61.000 Personen zurückgegangen. Bei Herstellern von Kraftwagen und Kraftwagenmotoren blieb die Zahl mit 465.200 Personen gegenüber dem Vorjahr unverändert. Knapp über 60 Prozent der Beschäftigten der Automobilindustrie arbeiteten 2024 bei einem Fahrzeughersteller, also bei einem OEM.

Anders sieht es bei Teilen der Zulieferindustrie aus. Hersteller von Teilen für Kraftwagen und Kraftwagenmotoren beschäftigten 2024 durchschnittlich 266.800 Personen – etwa ein Drittel der Beschäftigten der Automobilindustrie. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Rückgang von 2 Prozent. Eine niedrigere Beschäftigtenzahl gab es in dieser Zulieferindustrie zuletzt 1997 mit durchschnittlich 255.600 Personen.

Die Zulieferer sind besonders stark von den aktuellen Transformationsanforderungen betroffen. Neue Technologien und veränderte Anforderungen an Automobilprodukte führen zu einem Wandel der Beschäftigungsprofile in den Unternehmen. Das klingt nüchtern, bedeutet für viele Beschäftigte aber neue Aufgaben, Umschulung oder die bange Frage, ob der eigene Arbeitsplatz noch dazugehört.

Es gibt auch gegenläufige Zahlen: Hersteller von Karosserien, Aufbauten und Anhängern steigerten ihre Beschäftigtenzahl um 1 Prozent auf 40.800 Personen. Eine ähnlich hohe Beschäftigtenzahl gab es in dieser Herstellergruppe zuletzt 1995 mit 44.100 Personen. Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt. Gerade solche Unterschiede machen die Lage unübersichtlich: Während der eine Bereich wächst, wird andernorts gestrichen, verhandelt und gerechnet.

Auf dem Bauprojekt nebenan läuft derweil der Betrieb weiter. Ein Akkuschrauber surrt, irgendwo fällt Metall auf den Boden, und in der Pause wird über Preise, Arbeitszeiten und die nächste Abrechnung geredet. Die großen Entscheidungen aus Vorstandsetagen und Tarifverhandlungen landen irgendwann ganz unten – bei der Miete, beim Einkauf und bei der Frage, wie viel Zeit am Abend noch übrig bleibt.

Quelle Wirtschaftspresseschau: Deutschlandfunk. Quelle Beschäftigungszahlen: Verband der Automobilindustrie.