Studentisches Wohnen wird zum Standortfaktor: 102.000 warten auf einen Wohnheimplatz
Wer heute, am 1. Oktober 2026, in einer deutschen Hochschulstadt ein Zimmer sucht, braucht vor allem Geduld – und ein ziemlich gut gefülltes Konto. Die Mieten für Studierende sind im ersten Halbjahr 2026 erneut stärker gestiegen als die Inflation. Das zeigt der achte MLP Studentenwohnreport, den MLP und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) am 30. September 2026 vorgestellt haben. Präsentiert wurden die Ergebnisse bei einer Online-Pressekonferenz von Prof. Dr. Michael Voigtländer (IW) und Dr. Uwe Schroeder-Wildberg (MLP SE).
Qualitätsbereinigt verteuerte sich studentisches Wohnen binnen eines Jahres durchschnittlich um 2,6 Prozent. Über drei Jahre gerechnet lag der jährliche Anstieg sogar bei 4,0 Prozent. Kleine Wohnungen unter 40 Quadratmetern legten mit 3,5 Prozent am stärksten zu. WG-Mieten stiegen um 2,3 Prozent, möblierte Wohnungen auf Zeit um 2,0 Prozent. Für Wohnungssuchende klingt das trocken – auf dem Kontoauszug fühlt es sich weniger trocken an.
München bleibt für Studierende ein teures Pflaster
Am teuersten ist München. Für die 30-Quadratmeter-Musterwohnung veranschlagt der Report rund 880 Euro monatlich inklusive Warmmiete. Ein hypothetisches 20-Quadratmeter-WG-Zimmer kostet etwa 800 bis 850 Euro; im Report werden für das Muster-WG-Zimmer rund 850 Euro genannt.
Danach folgen Berlin, Frankfurt, Köln, Hamburg und Heidelberg. Für eine 30-Quadratmeter-Wohnung werden in Berlin etwa 725 Euro fällig, für ein WG-Zimmer 659 Euro. Die übrigen genannten Standorte Berlin, Frankfurt und Köln sowie Hamburg und Heidelberg liegen bei der Musterwohnung laut den Vergleichswerten ungefähr bei 700 bis 720 Euro.
Am anderen Ende der Skala steht Chemnitz. Dort kostet die 30-Quadratmeter-Musterwohnung rund 280 Euro monatlich, beziehungsweise etwa 277 bis 280 Euro. Das Muster-WG-Zimmer liegt bei rund 220 Euro, in den Vergleichsdaten bei 222 Euro. Der Abstand zu München ist nicht gerade ein kleiner Schritt, sondern eher ein Sprung über einen ziemlich breiten Graben.
Die höchsten jährlichen Mietzuwächse der vergangenen drei Jahre verzeichneten Hamburg und Saarbrücken mit jeweils 5,8 Prozent sowie Bochum mit 5,5 Prozent. Vorübergehend rückläufige Studierendenzahlen an einzelnen Standorten eröffnen zwar Möglichkeiten, bezahlbaren Wohnraum auszubauen. Laut Report ist allerdings wieder mit steigenden Studierendenzahlen zu rechnen.
380 Euro reichen fast nirgends
Die BAföG-Wohnkostenpauschale beträgt derzeit 380 Euro. Die Warmmiete einer 30-Quadratmeter-Wohnung lässt sich damit nur in Chemnitz vollständig abdecken. Selbst für die Kaltmiete reicht der Betrag lediglich an sieben der 38 untersuchten Hochschulstandorte. Auch die durchschnittliche WG-Miete von 512 bis 513 Euro liegt darüber.
Für BAföG-Empfängerinnen und -Empfänger, die nicht bei ihren Eltern wohnen, soll die Pauschale voraussichtlich zum Sommersemester 2027 auf 440 Euro steigen. Ursprünglich war die Erhöhung bereits für das kommende Wintersemester vorgesehen, verzögerte sich aber wegen ungeklärter Finanzierungsfragen innerhalb der Koalition. Viel Luft bleibt auch mit 440 Euro in den meisten Hochschulstädten nicht.
Die Belastung ist schon heute erheblich. 2025 entfielen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes durchschnittlich rund 54 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens von Studierenden auf Wohnkosten – mehr als doppelt so viel wie im Bevölkerungsdurchschnitt. 65 Prozent der Studierenden mit eigener Haushaltsführung galten als wohnkostenüberbelastet. Der MLP-Report spricht von knapp zwei Dritteln der studentischen Haushalte.
Zu wenige Plätze, zu lange Wartelisten
Bei kleinen Wohnungen stehen Studierende außerdem in direkter Konkurrenz zu Auszubildenden, Berufsanfängern und einkommensschwachen Rentnern. Besonders in größeren Städten wird die Suche dadurch zur Geduldsprobe. Die 54 Studierendenwerke bieten bundesweit rund 200.000 Wohnheimplätze an. Zu Beginn des Wintersemesters 2026/2027 standen jedoch mehr als 102.000 Studierende auf Wartelisten, Stand 25. September 2026.
Die Entwicklung passt nicht recht zusammen: Zwischen 2007 und 2026 stieg die Zahl der Studienplätze um fast 50 Prozent, die Zahl öffentlich geförderter Wohnheimplätze aber nur um sieben Prozent. Seit 2023 unterstützt der Bund mit dem Programm „Junges Wohnen“ den Bau von Studentenwohnheimen. Der Förderbetrag von bislang 500 Millionen Euro soll ab 2027 verdoppelt werden.
Gebaut wird trotzdem weniger. Seit 2022 ging die Bautätigkeit an zwei Dritteln der Hochschulstandorte zurück. Als Gründe gelten hohe Bau- und Finanzierungskosten – Faktoren, die sich nicht einfach wegwischen lassen, selbst wenn auf dem Papier mehr Fördergeld bereitsteht.
Wenn der Geldbeutel den Studienort aussucht
Die Zahl der BAföG-Berechtigten sinkt seit Jahren. Damit fallen immer mehr Studierende aus der staatlichen Förderung heraus. Viele arbeiten deshalb mehr oder wohnen wieder bei ihren Eltern. Rund 28 Prozent der Studierenden leben derzeit bundesweit im Elternhaus.
Steigende Mieten können so die Wahl des Studienorts zunehmend vom Einkommen der Eltern abhängig machen. Dann entscheiden nicht nur persönliche Fähigkeiten, Interessen und Leistungen, sondern womöglich die Frage, ob die Familie München, Berlin oder Hamburg überhaupt bezahlen kann. Der Finanzmanager Uwe Schroeder-Wildberg warnt vor einer sozialen Auslese und möglichen Folgen für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland.
Für ein Bauprojekt an einem Hochschulstandort ist das keine Nebensache. Zwischen Grundriss, Finanzierung und Genehmigung entscheidet sich auch, ob am Ende Wohnraum entsteht, den sich Studierende tatsächlich leisten können. Und während irgendwo noch gerechnet wird, werden anderswo schon wieder neue WG-Zimmer gesucht.
