Bautzen baut am Haus für Sorbiens Zukunft
In Bautzen haben am 8. Oktober 2026 die Bauarbeiten für das Sorbische Wissensforum begonnen. Der symbolische Spatenstich markiert den Start eines rund 50 Millionen Euro teuren Bauprojekts, das drei Einrichtungen unter einem Dach zusammenführen soll: das Sorbische Museum, ein Kulturarchiv und eine Zentralbibliothek.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bezeichnete das Wissensforum als künftigen Ort des Bewahrens, der Begegnung und der Innovation – für Sorben, Bautzner und weitere Interessierte. Der Spatenstich sei zugleich ein Zeichen für die Zukunft der sorbischen Sprache und Kultur. In Sachsen und Brandenburg leben rund 60.000 Sorben. Sie sind ein westslawisches Volk und in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt. Zu ihren kulturellen Merkmalen gehören eine eigene Sprache, Kultur, Flagge und Hymne.
Neubau, Höfe und historische Bauten
Grundlage der Planung ist der Wettbewerbssieger von 2023. Vorgesehen ist ein Neubau für das Sorbische Museum mit Werkstätten, Verwaltung, Café und Veranstaltungssaal. Mehrere denkmalgeschützte Bestandsbauten sollen saniert werden. Dort soll künftig das Sorbische Institut mit Verwaltungs- und Archivräumen sowie einem öffentlichen Lesesaal untergebracht werden.
Der Entwurf geht sensibel mit den historisch gewachsenen Strukturen um und vermittelt zwischen Neubau und Bestand. Die Grundstruktur bilden drei klar gegliederte Innenhöfe mit unterschiedlichen Nutzungen. Um diese Höfe gruppieren sich die Gebäude; Ergänzungsbauten schließen den Blockrand weiter.
Im Norden am Lauengraben gelangen Besuchende durch eine gut sichtbare Passage im Neubau zum Erschließungshof. Dort liegen der Haupteingang und das Foyer. Dieses Foyer bildet als Gelenk die Verbindung zwischen zwei Höfen und verknüpft die Nutzungen von Museum und Institut. Zu allen drei Straßen präsentiert sich das Sorbische Wissensforum – nicht als abgeschotteter Solitär, sondern als Teil des Bautzener Stadtgefüges.
Eine Sprache mit vielen Lebenslinien
Die Zahl von rund 60.000 Sorben ist eine offizielle Angabe. Ältere Hochrechnungen kamen je nach Grundlage auf 45.000 bis 50.000 Menschen nach Selbstzuschreibung oder etwa 67.000 nach aktiver Sprachkenntnis. Rund zwei Drittel leben in der sächsischen Oberlausitz, vor allem im katholischen Dreieck zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda. Im amtlichen sorbischen Siedlungsgebiet Sachsens liegt der Anteil schätzungsweise bei durchschnittlich 12 Prozent, an Sachsens Gesamtbevölkerung bei etwa 0,9 Prozent.
Ein Drittel lebt in der Niederlausitz zwischen Senftenberg und Lübben; rund 90 Prozent davon im Landkreis Spree-Neiße und in Cottbus. In den deutsch-sorbischen Gebieten Brandenburgs liegt der Anteil schätzungsweise bei durchschnittlich 7 Prozent, an Brandenburgs Gesamtbevölkerung bei etwa 0,8 Prozent.
Es gibt zwei sorbische Schriftsprachen: Ober- und Niedersorbisch. Hinzu kommen Grenzdialekte zwischen den beiden Standardsprachen. Obersorbisch steht dem Tschechischen und Slowakischen näher, Niedersorbisch dem Polnischen. Niedersorbisch ist akut vom Aussterben bedroht. Sorbische Institutionen schätzen die Zahl der aktiven Sprecher beider Sprachen auf 20.000 bis 30.000; andere Hochrechnungen nennen etwa 15.000 aktive Obersorbisch- und 7.000 aktive Niedersorbischsprecher.
Das obersorbische Kerngebiet liegt vor allem in Crostwitz, Ralbitz-Rosenthal, Panschwitz-Kuckau, Nebelschütz, Räckelwitz sowie Teilen von Neschwitz, Puschwitz und Göda; ein weiteres Zentrum ist Radibor. In der Niederlausitz gibt es kein vergleichbar geschlossenes stabiles Sprachkerngebiet mehr. Viele Niedersorbisch-Muttersprachler leben zwischen Spreewald und Cottbus. Eine Studie von 2024 schätzte die Zahl der Niedersorbischsprecher auf C-Niveau des europäischen Referenzrahmens auf 50 bis 100. Zwischen Bad Muskau, Schleife und Hoyerswerda werden sorbische Grenzdialekte gesprochen.
Das historische Siedlungsgebiet war in den 1880er Jahren größer und umfasste Gebiete südlich und östlich von Bautzen sowie nördlich von Cottbus. Dort wird Sorbisch heute kaum oder nicht mehr gesprochen. Östlich der Neiße, im heutigen Polen, lebten bis ins 20. Jahrhundert Sorben; kulturelles Zentrum war Sorau, sorbisch Žarow, heute Żary. In Sorau bezeichneten sich 1843 bis 1849 noch etwa 4 bis 5 Prozent der Bevölkerung als Sorben, 1890 etwa 1 bis 2 Prozent und 1905 nur noch 0,1 Prozent. Preußische Politik, Assimilation und Germanisierung drängten die Sprache zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Sorben dort als deutsche Staatsangehörige vertrieben; die Verbliebenen wurden in Polen assimiliert.
Von den Slawenburgen bis zur Gegenwart
Die Sorben blicken auf eine rund 1.400 Jahre nachweisbare Geschichte zurück. Ihre Vorfahren wanderten im 6. Jahrhundert aus Gebieten nördlich der Karpaten über Schlesien und Böhmen nach Westen und besiedelten Regionen zwischen oberer Neiße, Saale, sächsischem Erzgebirgsvorland und Fläming. Die Fredegar-Chronik erwähnt 631/632 erstmals Sorben und berichtet von Überfällen auf Thüringen und andere fränkische Gebiete. 634/635 besiegte Herzog Radulf die Sorben und schloss 641 ein Bündnis mit benachbarten Slawen.
Im 8. und 9. Jahrhundert gerieten die westslawischen Stämme zunehmend in Abhängigkeit vom ostfränkischen Reich. 806 wurde der Sorbenkönig Miliduch getötet; weitere Anführer unterwarfen sich und mussten Tribute zahlen. Lusitzi und Milzener, deren Nachkommen heute den Namen Sorben tragen, werden in fränkischen Quellen nur spärlich erwähnt. Ihre Stammesgebiete waren in kleine Verbände gegliedert, Herrschaftszentren bildeten zahlreiche Slawenburgen. Der Bayerische Geograph nennt 50 Burgen bei den Sorben sowie jeweils 30 bei Lusitzi und Milzenern.
König Heinrich I. begann nach 924/926 mit der systematischen Unterwerfung slawischer Stämme östlich der Elbe. 928/929 errichtete er die Burg Meißen, 932 unterwarf er die Milzener und besiegte die Lusizer, deren Stammesburg Liubusua zerstört wurde. Burgen, Tributpflicht und Christianisierung banden die Gebiete ab dem frühen 10. Jahrhundert in die deutsche Herrschaft ein. Markgraf Gero setzte die gewaltsame Unterwerfung fort; 939 ließ er 30 slawische Fürsten ermorden. Zwischen 954 und 965 besiegten Otto I. und Gero die Lusitzi und dehnten die sächsische Herrschaft bis an die Oder aus.
Die Unterwerfung der Sorben war danach dauerhaft, doch die Lausitz und das Milzenerland blieben bis 1032 zwischen deutschen und polnischen Herrschern umkämpft. 968 wurde das Erzbistum Magdeburg gegründet. Sorben, Milzener und Lusizer mussten dem Bischof von Meißen den Zehnten zahlen; slawische Gebiete gingen an deutsche Adlige, die Bevölkerung leistete Abgaben und Frondienste.
Die Hochkolonisation dauerte etwa von 1150 bis 1300. Siedler kamen vor allem aus Flandern, den Niederlanden, Sachsen, Franken, Thüringen und dem Rheinland. Sorbische Einwohner wurden meist nicht vertrieben; deutsche Dörfer entstanden überwiegend auf gerodeten Flächen, an denen sich auch sorbische Bauern beteiligten. Neue Städte entstanden unter anderem in Lübben, Cottbus, Löbau, Kamenz und Bautzen.
Westlich der Elbe war die Verdrängung der sorbischen Sprache im 14. Jahrhundert weitgehend abgeschlossen. Im 14. und 15. Jahrhundert stellten Sorben in der Oberlausitz noch etwa die Hälfte der Landbevölkerung, in der Niederlausitz war ihr Anteil höher. In Bautzen lag ihr Anteil in der Stadt etwa bei 35 Prozent, in Cottbus knapp unter 30 Prozent; Luckau kam auf etwa 50 Prozent, Calau hatte fast ausschließlich sorbische Einwohner. Mehrere Städte beschränkten den Zugang von Sorben zu Zünften, darunter Beeskow, Luckau, Cottbus, Löbau und Lübben. Viele dieser
