Dummerstorf vor dem Milliarden-Rechenzentrum: Wenn die Strominfrastruktur mitspielt
In Dummerstorf bei Rostock soll eines der größten Rechenzentrumsvorhaben Deutschlands entstehen. Die Schwarz-Gruppe plant dafür Investitionen von 5,6 Milliarden Euro. Der Baubeginn ist für Ende 2027 oder Anfang 2028 vorgesehen, ans Netz gehen soll die Anlage 2032.
Rund 200 Menschen kamen zu einer Informationsveranstaltung in der Aula der Grundschule in Dummerstorf. Politiker und Unternehmensvertreter beantworteten dort Fragen der Bürger. Der genaue Baustart, erklärte ein Vertreter der Schwarz-Gruppe, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell die benötigte Strominfrastruktur ausgebaut wird. Das vorgesehene Gelände liegt in einem Gewerbegebiet.
240 Megawatt zum Start
Bis 2033 soll in Dummerstorf ein Datacenter mit einer Leistung von 240 Megawatt entstehen. In einer zweiten Ausbaustufe könnte die Anschlussleistung bis 2045 auf bis zu ein Gigawatt wachsen. Ende August hatten Schwarz-Chef Gerd Chrzanowski und Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Pläne für das Rechenzentrum bei Rostock vorgestellt. Landeswirtschaftsminister Wolfgang Blank wurde im Zusammenhang mit dem Vorhaben ebenfalls erwähnt.
Schwesig zufolge will das Land Mecklenburg-Vorpommern bis zu 120 Millionen Euro Förderung bereitstellen. Chrzanowski verbindet das Projekt mit einem größeren Ziel: Digitale Souveränität und digitale Wertschöpfung sollten wieder stärker in Deutschland und Europa stattfinden.
Die Schwarz-Gruppe ist weltweit vor allem durch Lidl und Kaufland bekannt und beschäftigt mehr als 600.000 Menschen. Über Schwarz Digits arbeitet der Konzern außerdem als IT-Dienstleister. Die Sparte erzielte im Geschäftsjahr bis Ende Februar einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro – 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Schwarz Digits will sich als europäische Alternative zu Amazon Web Services und Microsoft Azure positionieren.
Die Kapazitäten in Dummerstorf sollen zunächst vor allem konzerninterne Daten verarbeiten: Liefer- und Bestellprozesse, Bezahlvorgänge sowie Kundenbindungsprogramme. Rechenzentren speichern, verarbeiten und verteilen Daten; gebraucht werden sie unter anderem für Unternehmensdaten, Videostreaming und E-Mail-Verkehr.
Windstrom, Höchstspannungsnetz und Abwärme
Als Vorteil des Standorts nennt Schwarz die große Verfügbarkeit nachhaltig erzeugten Stroms, besonders aus Onshore- und Offshore-Windkraft. Mecklenburg-Vorpommern deckt derzeit mehr als die Hälfte seines Stromverbrauchs mit Windenergie. Rechnerisch erzeugt das Land sogar mehr Windstrom, als es selbst verbraucht. Ein großer Teil fließt bislang über Hochspannungsleitungen in den Süden Deutschlands.
Dummerstorf verfügt über einen Anschluss an das Höchstspannungsnetz. Damit kann der Strom zur Anlage transportiert werden. Auch das regionale Klima soll helfen, die Server effizient zu kühlen.
Ganz verschwinden soll die entstehende Wärme möglichst nicht. Die Abwärme des Rechenzentrums könnte für die Wärmeversorgung Rostocks genutzt werden. Schwarz und die Stadtwerke haben dazu eine Absichtserklärung unterzeichnet.
Der große Energie- und Wasserbedarf macht solche Projekte allerdings umstritten. Rechenzentren können außerdem Lärm- und Umweltbelastungen mit sich bringen. In Dummerstorf ging es bei der Veranstaltung deshalb nicht nur um Milliardenbeträge und digitale Zukunft, sondern auch um die ganz praktische Frage, was die Anlage vor Ort verändert.
Was Effizienz bei Rechenzentren bedeutet
Das Umweltbundesamt bezeichnet Rechenzentren als zentrale Infrastruktur der Digitalisierung. Weil der Bedarf an Rechenleistung steigt, entstehen mehr und größere Anlagen. Damit wachsen auch Stromverbrauch und der Bedarf an natürlichen Ressourcen. Ziel ist, die Umweltbelastungen möglichst gering zu halten.
Belastbare globale Daten fehlen allerdings. Studien für 2020 schätzen den weltweiten Energiebedarf von Rechenzentren auf etwa 200 bis 1.000 Terawattstunden. Das entspricht ungefähr 100 bis 500 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten. Wegen dieser großen Bandbreite sind verlässliche Aussagen zum weltweiten Energieverbrauch und zu den Treibhausgasemissionen nicht möglich.
Gesetzliche Anforderungen an die Energie- und Ressourceneffizienz von Rechenzentren bestehen bislang nicht. Betreiber sollen den Verbrauch trotzdem schon aus Klimaschutz- und Kostengründen möglichst niedrig halten. Eine effizientere Geräteentwicklung allein reicht dabei nicht. Entscheidend ist auch, wie gut die Systeme ausgelastet sind.
Ein leistungsstarker, energieeffizienter Mehrkernserver kann bei dauerhaft niedriger Auslastung mehr Energie verbrauchen als ein schwächerer Server, der stärker genutzt wird. Schlechte Auslastung, kurze Erneuerungszyklen und überdimensionierte IT führen zu unnötigem Energie- und Rohstoffverbrauch. Geeignete Konzepte und intelligente Lösungen sollen diese Verschwendung verringern.
Zur Kontrolle braucht es Kennzahlen. Häufig verwendet wird die Power Usage Effectiveness, kurz PUE. Sie setzt den Gesamtenergieverbrauch eines Rechenzentrums einschließlich Gebäudetechnik ins Verhältnis zum Energieverbrauch der Informationstechnik. Bewertet wird damit im Wesentlichen die Effizienz der Gebäudetechnik – nicht die Energieeffizienz des gesamten Rechenzentrums.
Wer nur auf den PUE-Wert schaut, lässt die hohen Verbräuche der IT außen vor. Untersuchungen von drei Rechenzentren zeigen, dass Server in allen betrachteten Umweltkategorien den größten Anteil der Belastungen verursachen. Die Gebäudetechnik kam lediglich auf etwa 15 bis 30 Prozent.
Ganzheitlicher Blick auf die Technik
Das Umweltbundesamt hat deshalb das Kennzahlensystem „Key Performance Indicators for Data Center Efficiency“, kurz KPI4DCE, entwickelt. Seit 2018 bewertet es die Energie- und Ressourceneffizienz ganzheitlich und über den gesamten Lebenszyklus.
Einbezogen werden unter anderem Server, Speichersysteme, Netzwerktechnik und die technische Gebäudetechnik. Auch Rechen-, Speicher- und Übertragungsleistung werden dem jeweiligen Energie- und Rohstoffaufwand gegenübergestellt. So lassen sich Optimierungspotenziale in den einzelnen Bereichen eines Rechenzentrums erkennen.
Betriebsdaten zeigen, dass Server, Speichersysteme und Datennetzwerke häufig nicht ausreichend ausgelastet sind. Im ineffizientesten von drei untersuchten Rechenzentren wurden pro Rechenoperation zehnmal mehr Treibhausgasemissionen verursacht als notwendig. Nicht genutzte IT-Ressourcen laufen im Leerlauf weiter und verbrauchen Energie, ohne Rechenleistung bereitzustellen. Das klingt trocken, ist aber im Betrieb ein ziemlich teurer Dauerlauf.
Eine Orientierung bietet auch der „Blaue Engel für Rechenzentrum“ (DE-UZ 228). Das Umweltzeichen bündelt die bisherigen Auszeichnungen „Energieeffizienter Rechenzentrumsbetrieb“ (DE-UZ 161) und „Klimaschonende Co-Location-Rechenzentren“ (DE-UZ 214). Der neue Blaue Engel berücksichtigt neben den bisherigen Betreibermodellen auch Betreiber, die ihre IT auf einer entsprechend zertifizierten Fläche eines Co-Location-Rechenzentrums verwalten.
Unabhängige, vom Umweltbundesamt mandatierte Auditoren überprüfen die Anforderungen. Ausgezeichnet werden Rechenzentren, deren technische Gebäudeausrüstung energieeffizient sowie klima- und ressourcenschonend betrieben wird. Erwartet werden außerdem langfristige Strategien zur Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz, ein effizienter IT-Betrieb und Unterstützung der Kunden bei Effizienzmaßnahmen. Mindeststandards und transparente Berichterstattung sollen einen sparsamen IT-Betrieb ermöglichen.
Für Dummerstorf liegen der geplante Stromanschluss, die Windkraft in Mecklenburg-Vorpommern und die mögliche Nutzung der Abwärme auf der Habenseite. Wie sparsam die Server tatsächlich laufen, wie viel Wasser benötigt wird und wie sich die Anlage in das Gewerbegebiet einfügt, wird sich erst mit der weiteren Planung zeigen. Der erste Bauschritt bleibt ohnehin an eine Bedingung geknüpft: Ende 2027 oder Anfang 2028 – wenn die Strominfrastruktur mitspielt.
