Ernst-Thälmann-Stadion: Wie Potsdam aus Trümmern eine Sportstätte baute
Es gibt Orte, die verschwinden und trotzdem nicht weg sind. In Potsdam gehört das frühere Ernst-Thälmann-Stadion dazu. Bei einem Vortrag zur Geschichte der Sportstätte war der Saal voll. Der Historiker Ulrich Pfeil, der zu ostdeutschen Sportstätten geforscht hat, stellte sein Buch vor – und traf damit offenbar einen Nerv.
Ein Zuhörer sagte, vermutlich sei jeder Potsdamer irgendwann dort gewesen: bei Staffelläufen, der Kinder- und Jugendspartakiade oder bei Konzerten. Als Beispiel fiel ein Auftritt der Big Beat Boys. Dass an das inzwischen verschwundene Stadion und seine Bedeutung für die Stadt erinnert wird, begrüßte er ausdrücklich.
Sportplatz auf den Trümmern der Stadt
Das Ernst-Thälmann-Stadion lag am ehemaligen Lustgarten, nahe dem im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe und Kämpfe schwer beschädigten Potsdamer Stadtschloss. Die Stadt Potsdam war Eigentümerin der kombinierten Fußball- und Leichtathletikanlage. Sie galt als erster großer Sportstättenneubau in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Gebaut wurde ab Oktober 1948. Volkspolizisten, freiwillige Helfer und Mitglieder der SG Volkspolizei Potsdam überbauten dafür vor allem den früheren Parade- und Exerzierplatz sowie Teile des Lustgartens. Trümmer aus der zerstörten Innenstadt wurden zu Zuschauerwällen und weiteren Aufbauten. Das Projekt war die zweitgrößte Baustelle der Sowjetischen Besatzungszone.
Eine zentrale Rolle spielte der Potsdamer Polizeichef Richard Staimer. Auf den Trümmern des preußischen „Militarismus“ und „Imperialismus“ sollte ein Sportplatz entstehen. In der damaligen Debatte über Abriss oder Wiederaufbau des Stadtschlosses befürworteten SED-Anhänger den Abriss. Das Stadion passte also nicht nur sportlich, sondern auch politisch in die neue Nachkriegsordnung.
Weniger als ein Jahr dauerte der Bau. Feierlich eröffnet wurde die Anlage am 3. Juli 1949. Zur Einweihung kamen rund 20.000 Zuschauer; als Ehrengäste waren unter anderem der SED-Vorsitzende und spätere DDR-Präsident Wilhelm Pieck sowie Rosa Thälmann dabei, die Witwe des 1944 im KZ Buchenwald ermordeten Kommunistenführers Ernst Thälmann. Benannt war das Stadion nach dem Vorsitzenden der KPD.
15.000 Plätze, große Wettkämpfe und volle Ränge
Zur Ausstattung gehörten ein Naturrasenplatz, eine 400-Meter-Aschenbahn und Zuschauertribünen. Die angegebene Kapazität lag bei 15.000 Plätzen, während zur Eröffnung etwa 20.000 Menschen kamen. Eng wurde es also durchaus.
Genutzt wurde das Stadion für die Kinder- und Jugendspartakiade, Veranstaltungen Potsdamer Sportvereine und zahlreiche Konzerte und Volksfeste. Zu den Vereinen gehörten die SG Dynamo Potsdam, später PSV Potsdam, sowie Turbine Potsdam. Mehrfach war die Anlage Austragungsort nationaler und internationaler Wettkämpfe.
Am 19. Mai 1957 stellte Manfred Preußger dort im Stabhochsprung mit 4,52 Metern einen Europarekord auf. Auch FDGB-Pokalspiele fanden hier statt, bevor das Karl-Liebknecht-Stadion gebaut wurde: 1955 mit der BSG Rotation Babelsberg sowie von 1967 bis 1969 und 1972/73 mit der BSG Motor Babelsberg. 1966, 1970 und 1973 führte die Friedensfahrt als Etappenziel ins Stadion.
In den 1980er Jahren wurde die Sportstätte letztmals modernisiert – für etwa zwei Millionen Mark. Der Aufwand kam nicht von ungefähr. Im Rahmen der sozialistischen Stadtplanung sollte das Stadion gemeinsam mit dem Interhotel den Auftakt einer repräsentativen Magistrale entlang der heutigen Breiten Straße bilden.
Von 1979 bis 1982 entstand an der Nordseite das Karl-Liebknecht-Forum. Dazu gehörten mehrere Mosaikwände von Kurt-Hermann Kühn und eine Skulptur von Theo Balden. Zwischen Sportplatz, Tribüne und Stadtplanung lag damit ein ziemlich dichtes Stück DDR-Geschichte.
Abgerissen vor der Bundesgartenschau
Am 30. Mai 1994 übernahm die Stadt Potsdam das Stadion vom Land Brandenburg. Lange blieb ihm trotzdem nicht. Im Vorfeld der Bundesgartenschau 2001 wurde es 1999 nach rund 50 Jahren abgerissen. An seiner Stelle entstand der überwiegend versiegelte Neue Lustgarten, dessen Gestaltung sich an historischen Formen orientierte.
Für die Potsdamer Kickers bedeutete das den Umzug: Ihre Heimspiele mussten sie auf einem Kunstrasenplatz außerhalb der Innenstadt austragen. Der ebenfalls dort beheimatete Fanfarenzug Potsdam wich in das Stadion am Luftschiffhafen aus. Die Mosaike und die Skulptur des Karl-Liebknecht-Forums wurden später am südlichen Ende des Neuen Lustgartens aufgestellt.
Ein Wiederaufbau wäre heute, vorsichtig gesagt, ein Wahnsinn. Geblieben sind Erinnerungen an staubige Ränge, Wettkampftage, Musik und dicht gedrängte Menschen. Und eben die Frage, warum die SED trotz erheblichen Wohnraummangels den Bau von Sportstätten priorisierte.
Vortrag im Potsdam Museum
Wer dieser Geschichte weiter nachgehen möchte, kann am 14. Oktober 2026 von 18:00–19:30 Uhr den Bildervortrag „Aus Trümmern werden Stadien“ besuchen. Veranstaltungsort ist das Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Am Alten Markt 9, 14467 Potsdam. Im Mittelpunkt stehen die Geschichte und die Bedeutung des Ernst-Thälmann-Stadions in der Nachkriegszeit, seine Rolle bei der Enttrümmerung und beim Wiederaufbau Potsdams.
Referent ist Ulrich Pfeil, Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine in Metz. Im Juni 2026 veröffentlichte er im Christoph Links Verlag das Buch „Aus Trümmern werden Stadien. Stadtplanung, Architektur und Sport in der frühen DDR“. Die Veranstaltung begleitet die Ausstellung „Platz____für Neues? Visionen für den Alten Markt 1945–2025“.
Der Eintritt kostet für Erwachsene 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre kommen kostenfrei hinein. Veranstaltungsgäste erhalten mit dem Ticket ermäßigten Eintritt in die begleitende Ausstellung. Reservierungen sind online möglich, außerdem per E-Mail an museumsservice@rathaus.potsdam.de oder telefonisch unter 0331 289 6850.
