Heinrich Tessenows Hellerau: Vom Festspielhaus zur Kaserne und zurück zur Kulturstätte
Wer heute über Heinrich Tessenow spricht, landet schnell bei großen Namen und großen Bauten. Beim Festspielhaus Hellerau etwa oder bei der Neuen Wache in Berlin. Angefangen hat seine Laufbahn jedoch in Mecklenburg – genauer gesagt 1902 in Sternberg.
Am 7. April 1876 in Rostock geboren, stammte Tessenow aus einer Handwerkerfamilie. Sein Vater war Zimmermann. Nach einer Lehre im Familienbetrieb besuchte er Bauschulen, arbeitete praktisch und studierte später in München. In Sternberg unterrichtete er ab 1902 an der örtlichen Baugewerkschule, die zum Technikum gehörte. 1902/03 entstand dort die „Pension Schon“, eines seiner frühen Bauwerke.
Sternberg: Praxis statt Bücherstaub
Das Sternberger Technikum war 1895 gegründet worden und erhielt 1899 einen Neubau. Bauberufe wurden hier praxisorientiert vermittelt, mit vergleichsweise wenig theoretischem Schwerpunkt. Tessenow passte mit seinem Weg vom Handwerk über die Bauschulen bis zum Studium gut in dieses Umfeld.
Später wurde er zu einem bedeutenden deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts. Seine wichtigen Lehrstationen lagen in Dresden, Wien und Berlin, doch die Verbindung zum Nordosten riss nie ab. Mecklenburg blieb biografisch und beruflich präsent: Tessenow wurde in Rostock geboren, zeitweise in Neustadt-Mecklenburg ausgebildet, und seine Familie lebte von 1919 bis 1943 in der Neutorstraße in Neubrandenburg.
Auch dort hinterließ er eine Spur. 1934/35 gestaltete er das von Friedrich Wilhelm Buttel 1823 errichtete Belvedere in Neubrandenburg zu einer Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs um. Später wurde diese Gestaltung zurückgebaut. Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich Tessenow unter anderem in Siemitz bei Güstrow auf. Nach 1945 arbeitete er an Wiederaufbauplanungen für Mecklenburg und Lübeck.
Das Sternberger Technikum selbst wurde im Ersten Weltkrieg als Lazarett genutzt. 1934 löste man die Lehranstalt auf. Anschließend übernahm die Reichspost das Gebäude und richtete dort eine Postschutzschule ein. Der Postschutz war ab 1933 eine bewaffnete, paramilitärische Einheit zum Schutz von Post- und Verkehrsanlagen. Später wurde er enger an die SS gebunden; 1942 entstand daraus der SS-Postschutz.
Vom Festspielhaus bis zur Neuen Wache
Zu Tessenows bekanntesten Bauten zählt das 1911 nach seinen Plänen errichtete Festspielhaus in Dresden-Hellerau. Der Bau ist durch zurückhaltenden Schmuck, klare Ordnung und ausgewogene Proportionen geprägt. Ein Satz, der Tessenow zugeschrieben und häufig zitiert wird, passt dazu: „Das Einfache ist nicht immer das Beste; aber das Beste ist immer einfach.“
Das Festspielhaus ist achsensymmetrisch angelegt, mit einer Nord-Süd-Hauptachse und einer Grundfläche von 53 × 47 Metern. Der Mittelbau mit dem Festsaal erreicht eine Firsthöhe von 36 Metern und ist damit 16 Meter höher als die Seitenflügel. An der Nord- und Südseite liegen jeweils vier Meter tiefe Portiken mit quadratischen, sandsteinverkleideten Pfeilern. Die Giebel bilden gleichschenklige Dreiecke; im Tympanon erscheint das Yin-Yang-Symbol der Bildungsanstalt.
Vom Portikus fällt der Blick auf Fenster und Eingangstüren, während die Dachgauben die Spitzgiebelform aufnehmen. Zwei zweigeschossige Seitenflügel umschließen U-förmig je einen eingeschossigen Oberlichtsaal. Der Bau bleibt schmucklos und ist mit hellockerfarbenem Kalkputz versehen. Quadrat, Rechteck und Dreieck bestimmen die Formen. Tessenow entwickelte dafür ein eigenes Proportionssystem, das er bis in die Details anwandte.
Der große Saal nimmt – abgesehen von der neun Meter tiefen Eingangshalle – den gesamten Mittelbau ein. Er ist 45 Meter lang, 16 Meter breit und zwölf Meter hoch; Fenster gibt es an allen vier Seiten. Die Decke ist offen, Beleuchterbrücken liegen zwischen dem Dachgebälk. Am nördlichen Ende befindet sich der Bühnenraum. Die bespielbare Fläche misst bei amphitheatraler Bestuhlung 16 × 20 Meter, seitliche Bühnen lassen sich bei Bedarf zum Saal öffnen. Ein mobiles Tafelbodensystem vor der Bühne kann unter anderem einen Orchestergraben aufnehmen. Das mobile Bestuhlungssystem bietet maximal 400 Plätze und verschwindet, wenn es nicht gebraucht wird, im Keller.
Die beiden 17 × 8 Meter großen Oberlichtsäle dienen heute als variable Veranstaltungsräume. Türen in allen vier Wänden verbinden sie mit den angrenzenden Räumen. Im westlichen Oberlichtsaal sind konservierte Wandarbeiten von Nancy Spero aus dem Jahr 1998 zu sehen. Die Seitenflügel enthalten Treppenhäuser und flexibel nutzbare Räume; ursprünglich geplante Sanitär- und Umkleideräume wurden nicht wiederhergestellt. Verwaltungsbüros lagern heute im „Seitengebäude West“.
1911 entstand nach Plänen Tessenows auch die Anlage in Dresden-Hellerau, deren Bau Carl Sattler mit einem großen Pensionshaus ergänzte. Die Neue Wache in Berlin kam später: Im Auftrag des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun gestaltete Tessenow 1931 Schinkels Bau Unter den Linden zu einer Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs um. Die Umgestaltung wurde 1931 eingeweiht. Aus der früheren Wache war ein schlichter, streng gestalteter Gedenkraum geworden.
Hellerau: Schule, Bühne und wechselnde Besitzer
Die Bildungsanstalt in Hellerau entstand aus der Idee der Lebensreform. Wohnen, Arbeit und musische Bildung sollten zusammengehören. Karl Batka veröffentlichte 1907 einen Plan zur musikalischen Organisation der Gartenstadt Hellerau. Kinder sollten ab sechs Jahren nach der angepassten Methode von Émile Jaques-Dalcroze unterrichtet werden, später Instrumente lernen und in einem Hellerauer Orchester öffentlich auftreten.
Im Oktober 1909 führte Jaques-Dalcroze seine Methode mit Genfer Schülerinnen in Dresden vor. Am Folgetag boten ihm Wolf Dohrn und Karl Schmidt an, sein Institut nach Hellerau zu verlegen. Schmidt dachte zunächst an erweiterbare Holzbauten, Richard Riemerschmid unterstützte diese zurückhaltende Planung. Dohrn setzte sich dagegen für einen von Anfang an großen Institutsbau ein.
Ab Frühjahr 1910 entwickelten Jaques-Dalcroze, Adolphe Appia, Alexander von Salzmann und Heinrich Tessenow das Konzept. Am 30. Mai 1910 entstand in Dresden ein Gründungskomitee unter Vorsitz von Nikolaus Graf von Seebach. Die Stadt Dresden ließ sich nicht zu einer Finanzierung bewegen. Deshalb wurde eine GmbH als Träger gegründet; der Zehnjahresvertrag mit Jaques-Dalcroze als Leiter wurde am 7. Juli 1910 unterzeichnet.
Im September 1910 betrug die Bareinlage 295.000 Mark, mehr als die Hälfte davon stammte von Wolf und Harald Dohrn. Die Gartenstadtgesellschaft Hellerau brachte ein 35.000 m² großes Grundstück als Einlage ein. Im Oktober zog Jaques-Dalcroze mit seiner Familie, Nina Gorter und 45 bereits in Genf unterrichteten Schülerinnen und Schülern nach Hellerau. Am 22. April 1911 wurde der Grundstein gelegt. Der Unterricht begann im November 1911 im westlichen Flügel des noch nicht fertiggestellten Festspielhauses; zuvor hatte Jaques-Dalcroze Räume im Dresdner Ständehaus genutzt.
1912 war die Bildungsanstalt fertiggestellt. Die Baukosten stiegen von geplanten 450.000 auf etwa 1,5 Millionen Mark – eine Hausnummer, die schon damals Bauchschmerzen gemacht haben dürfte. Im Juni 1912 und 1913 folgten mehrtägige Schulfeste, bei denen Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten zeigten. Diese Veranstaltungen begründeten den Ruf des Gebäudes als Festspielhaus und zogen Vertreter der europäischen Kunstavantgarde an.
Wegen des hohen Finanzbedarfs, vor allem für die Beleuchtungsanlage, wurde eine institutionelle Förderung durch Dresden beantragt, aber nicht bewilligt. Eine Theatergesellschaft sollte Einnahmen zur Querfinanzierung erzielen. Am 5. Oktober 1913 wurde Paul Claudels „Mariä Verkündigung“ in Jakob Hegners Übersetzung uraufgeführt. Jaques-Dalcroze war an der Inszenierung nicht beteiligt, Schüler wirkten jedoch mit. Im Schuljahr 1913/14 hatte die Bildungsanstalt 495 Schüler.
Dann kam der Bruch. Wolf Dohrn starb am 4. Februar 1914 bei einem Skiunfall. Sein Bruder Harald übernahm mit Unterstützung Nina Gorters die Verantwortung. Der Kriegsausbruch verhinderte Jaques-Dalcrozes Rückkehr aus Genf; die Sommerkurse wurden abgebrochen und die Bildungsanstalt geschlossen. Nach seiner Unterzeichnung des „Genfer Protests“ gegen die Beschießung der Kathedrale von Reims wurde Jaques-Dalcroze in der deutschen Presse angegriffen und konnte seinen Vertrag nicht erfüllen. Ausländische Lehrer und Schüler sowie Alexander von Salzmann mussten Deutschland verlassen.
Im November 1914 entstand ein Ausschuss zur Erhaltung der Jaques-Dalcroze-Methode in Deutschland. Im März 1915 meldete die Träger-GmbH Konkurs an. Nach einem Zwangsvergleich firmierte sie als „Bildungsanstalt Hellerau GmbH“ und verwaltete nur noch die Immobilien. 1915 wurde die „Neue Schule für angewandten Rhythmus“ unter Kurt Böckmann gegründet; sie bestand bis 1918.
Wohnen, Kasernen, Kultur
1919 stand das Festspielhaus leer. Harald Dohrn siedelte die von Tessenow gegründete Handwerkergemeinde in den Schülerwohnhäusern an. Ehemalige Dalcroze-Schüler gründeten im selben Jahr eine „Neue Schule für Rhythmus, Musik und Körperbildung“. Im Frühjahr 1920 entstand die reformpädagogische „Neue Schule Hellerau“ unter Carl Theil.
1921 fanden ein Bauernhochschultag und Lehrgänge der „Deutschen Bauernhochschule Hellerau“ statt. A. S. Neill arbeitete ab September 1921 als Englischlehrer an der „Neuen Schule“ und entwickelte Pläne für eine internationale Schule. 1921 gilt als offizielles Gründungsjahr von Summerhill. Im Februar 1922 gründete Neill die gemeinnützige „Neue Schule Aktiengesellschaft“, die im Sommer die Trägerschaft übernahm. Wegen behördlicher Einwände gegen Neills Leitung wurde die Schulverwaltung mehrfach verändert.
Die Rhythmik-, deutsche und ausländische Abteilung kooperierten und nutzten das große Pensionshaus sowie den Ostflügel gemeinsam. Wirtschaftlich blieb es schwierig. 1923 wurde Alois Schardt Schulleiter. Wegen politischer Konflikte und der Reichsexekution in Sachsen verließ Neill am 23. Oktober 1923 mit seinen verbliebenen Schülern Hellerau. Die internationale Schule schloss offiziell 1924.
Das große Pensionshaus hatte Carl Sattler 1911 südlich des Geländes errichtet. Es diente dem Wohnen und als Ort für Zusammenkünfte. Der zweigeschossige Bau besaß ein ausgebautes Dachgeschoss und ein Souterrain; im Untergeschoss lagen Wirtschaftsräume, Küche und Angestelltenwohnungen. Im Hochparterre gruppierten sich Gesellschaftsräume und Schülerunterkünfte um einen zentralen Speiseraum mit Terrassen- und Gartenzugang. Weitere Pensionszimmer lagen im Dachgeschoss.
Nach dem kriegsbedingten Niedergang der Bildungsanstalt stand das Haus ab 1915 leer. 1920 eröffnete Carl Theil dort die „Neue Schule Hellerau“. Alexander S. Neill nutzte es zwischen 1921 und 1924 hauptsächlich für seine „Internationale Freie Schule“. Ab 1925 mietete die Mathilde-Zimmer-Stiftung das Gebäude, kaufte es später und betrieb dort ein Töchterheim. Nach der Umwandlung des Geländes in eine Polizeikaserne wurde die Stiftung enteignet; das Haus diente zunächst als Kantine, ab 1945 als Offizierskasino. Nach dem Abzug des Militärs 1992 stand es erneut längere Zeit leer. Die Mathilde-Zimmer-Stiftung erhielt die Immobilie zurück und verkaufte sie 2011 an einen Immobilienentwickler. Das Gebäude wurde saniert und zu Wohnungen umgebaut.
Die Stiftung eröffnete am 1. Juli 1925 im Pensionshaus das Töchterheim „Rietschel-Schilling-Haus“. Ab 1926 betrieb Elisabeth Hunaeus im Ostflügel ein Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen. Ein Schülerwohnhaus wurde zum katholischen „Landheim Hellerau“, ein anderes nutzte Jakob Hegner weiterhin für Druckerei und Verlag. 1928 tagte der Bundestag des Kronacher Bundes im Festspielhaus. 1929 eröffnete eine Staatliche Wohlfahrtsschule; Elisabeth Rotten lehrte dort von 1929 bis 1934. Nach Hegners Konkurs 1930 wurde sein bisheriges Haus frei.
Dora Menzler mietete 1931 Räume für eine Schule für Gymnastik, Bewegung und Musikerziehung. Ab 1932 nutzte die Dresdner Staatsoper das Festspielhaus als Probebühne. Glucks „Iphigenie in Aulis“ und 1933 „Alceste“ wurden aufgeführt. Nach Reuckers Amtsenthebung durch die Nationalsozialisten endete die dauerhafte Nutzung durch die Staatsoper. 1933 verließ das Seminar für Frauenbildung das Gelände; Dora Menzler musste ihre Schule übertragen. Bis 1936 wurden Räume an den Deutschen Luftsportverband vermietet. 1934 war das Festspielhaus Spielstätte der Ersten Reichstheaterwoche, auf dem Programm stand Händels „Julius Cäsar“. Die Staatliche Wohlfahrtsschule musste 1935 schließen.
Harald Dohrn verkaufte 1935 seine Anteile an der Bildungsanstalt GmbH und verließ Hellerau. Der Staat kaufte das Gelände im Februar 1938 für 430.000 Reichsmark. Die vier ursprünglich an den Ost- und Westseiten des Platzes stehenden, eingeschossigen Schülerwohnhäuser wurden abgerissen und durch zwei Kasernengebäude ersetzt. Ihre Proportionen hatten sich an den Lehrerwohnhäusern orientiert und den Platz offen wirken lassen.
Die zweigeschossigen Kasernenflügel erreichen eine Firsthöhe von 13 Metern. Ihre Dachstühle sind denkmalgeschützte Ludwig-Kroher-Dachstühle. Das Festspielhaus wurde für den Kasernenbetrieb umgebaut, Seitenbühnen erhielten Zwischendecken, unter dem Dach entstanden Mannschaftsunterkünfte. Im Nordwesten kam ein Garagenkomplex hinzu. Im Juni 1939 bezog die Polizei die Kaserne und richtete die Polizeischule Hellerau ein. Ab August 1943 trug sie den Namen Polizei-Waffenschule Hellerau I. Stationiert war das „Polizei-Unterführer-Lehr-Bataillon Dresden-Hellerau“. Die Anlage wird teils als SS-Kaserne bezeichnet, war aber von der nahegelegenen SS-Pionier-Kaserne in der Hellerhofstraße zu unterscheiden.
Südlich des Festspielhausplatzes stehen vier identische Lehrerwohnhäuser. Sie waren für leitende Lehrer der Bildungsanstalt vorgesehen, eingeschossig, mit ausgebautem Dachgeschoss und weit vorkragendem Dach. Pergolen verbanden jeweils die Vordächer zweier Häuser. Gartenseitig gab es Erdgeschossveranden und Balkone im Dachgeschoss. Beim Bau setzte Tessenow erstmals seine patentierte „Tessenow-Wand“ ein. Nach der Nutzung als Offizierswohnhäuser wurden die Gebäude ab 1992 saniert. Heute nutzt die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen die vier Häuser.
Auch der Platz selbst hat sich verändert. Ursprünglich standen vier säulenförmige Brunnen in den Platzecken; bei der Umwandlung zur Kaserne wurden sie entfernt. Zwei Laternen auf Ständern an der Freitreppe waren die einzige Platzbeleuchtung, ihr Verbleib ist unklar. Mauern zwischen Schülerwohnhäusern und Festspielhaus trennten das Gelände zum Platz hin ab. Dahinter lagen beiderseits des Hauptgebäudes Licht- und Luftbäder, die bei der militärischen Umwidmung verschwanden. Ein in Tessenows Plänen eingezeichneter quadratischer Spielplatz hinter dem Festspielhaus ist nicht nachweisbar.
Vom sowjetischen Lazarett zur heutigen Spielstätte
Nach Kriegsende übernahm die Rote Armee das Gelände und nutzte es als Lazarett und Kaserne. Der große Saal wurde zur Sporthalle. 1979 gestalteten Angehörige des sowjetischen 189. Sanitätsbataillons die Treppenhäuser im Foyer aus. Im selben Jahr kam das Festspielhaus in die Zentrale Denkmalliste der DDR. Für Eigentümer und Nutzer ergaben sich daraus zunächst keine konkreten Erhaltungs- oder Nutzungsfolgen.
1990 gründete sich der Förderverein für eine Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau. 1992 endete die militärische Nutzung. Das Gelände ging zunächst an das Bundesvermögensamt und noch im selben Jahr an den Freistaat Sachsen. Das Staatsschauspiel Dresden organisierte mit dem Förderverein das erste „Fest“ auf dem Vorplatz; das Festspielhaus war wegen seines Zustands noch gesperrt.
1993 begann die Wüstenrot-Stiftung mit der Sanierung der beiden östlichen Lehrerwohnhäuser. Beim zweiten Fest wurden vor allem Vorplatz, Westflügel und Garagen genutzt. Im Februar 1994 erhielt der Förderverein eine vorläufige Besitzeinweisung. Im Frühjahr entstand mit 200.000 DM der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ein Notdach aus weißer Plastikfolie. Beim dritten Fest 1994 konnte der große Saal wieder bespielt werden, unter anderem mit Sorokins „Ein Monat in Dachau“, einem Konzert von Laibach und Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ durch ARBOS.
1995 begann unter Architekt Fabian Zimmermann die bauliche Sanierung mit 30 ABM-Kräften. Zunächst wurden die Dächer des Festspielhauses instand gesetzt, parallel organisierte der Förderverein einen schrittweisen Spielbetrieb. Künstler siedelten sich an; in den Garagen entstanden eine Tischlerwerkstatt und im Westflügel eine Kantine. Ilja Kabakow zeigte 1995 „The Boat of my Life“ im großen Saal.
1996 wurden der südliche Portikus und die Freitreppe mit Mitteln des J. Paul Getty Trust saniert. Das Festspielhaus wurde in die UNESCO-Liste schützenswerter Gebäude aufgenommen. Der Deutsche Werkbund Sachsen und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen bezogen die sanierten östlichen Pensionshäuser. 1997 waren Foyer und angrenzende Treppenhäuser denkmalgerecht saniert.
Ende 1997 wurde die Festspielhaus Hellerau gGmbH gegründet; ab 1998 betrieb sie das Gelände. Kantine und Tischlerwerkstatt schlossen 1998. 1999 begann die grundlegende Dachsanierung sowie die Sanierung der westlichen Pensionshäuser. Eine provisorische Heizung ermöglichte wieder ganzjährige Veranstaltungen. 2000 folgten ein internationales Dalcroze-Symposium und im November erstmals das Medienkunstfestival Cynetart in Hellerau.
2001 war die Dachsanierung des Hauptgebäudes für fünf Millionen Euro abgeschlossen. Der Westflügel der Kasernenanlage wurde saniert. Christine Straumer gründete das „Institut Rhythmik Hellerau“. Detlev Schneider wurde als Vorstandsvorsitzender des Fördervereins nicht wiedergewählt und als künstlerischer Leiter entlassen. 2002 zogen die Trans-Media-Akademie und das Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik auf das Gelände. Die sanierten westlichen Pensionshäuser bezog die Kulturstiftung Sachsen. Das Tanztheater DEREVO siedelte sich ab 2003 an.
Zum 1. Januar 2004 wurde das Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik in das „Europäische Zentrum der Künste Hellerau“ umgewandelt. Udo Zimmermann wurde Gründungsintendant; das Zentrum sollte den Spielbetrieb sichern. Gleichzeitig übernahm die Stadt Dresden die Trägerschaft über das gesamte Gelände. Die Forsythe Company erhielt einen Vertrag für dreimonatige Arbeits- und Aufführungszeiten pro Jahr im Festspielhaus.
2005 begann die Innensanierung nach Rekonstruktionsplänen von Josef Peter Meier-Scupin. Im selben Jahr gründete sich der Förderverein Hellerau zur Rekultivierung des Geländes. 2006 endete die vom Freistaat finanzierte Innenrestaurierung. Die Kosten waren von geplanten acht auf 11,5 Millionen Euro gestiegen. Die Stadt Dresden wurde als Eigentümerin ins Grundbuch eingetragen. Beim Eröffnungsfest erklangen Mauricio Kagels „Fanfanfaren für vier Trompeten“ in einer Hellerau-Version. Die Einrichtung erhielt den Namen „Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste Dresden“.
Im Dezember 2006 wurde der Räumungsklage der Stadt gegen die insolvente Festspielhaus Hellerau gGmbH stattgegeben. Seit April 2009 wird das Festspielhaus ganzjährig bespielt. Dieter Jaenicke folgte Udo Zimmermann als Intendant. 2014 war der Westflügel vollständig saniert; dort standen zehn Künstlerapartments und eine Probebühne zur Verfügung. 2015 wurde eine syrische Flüchtlingsfamilie in einem Künstlerapartment untergebracht, während der Förderverein hinter dem Hauptgebäude einen interkulturellen Garten anlegte.
Nach William Forsythes Rückzug vom aktiven Tanzen benannte sich die Kompanie 2015 in „Dresden Frankfurt Dance Company“ um und arbeitete weiter in Hellerau. Die Festspielhaus Hellerau gGmbH und die Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur verließen das Gelände. Im Sommer 2016 wurde das Dach des Ostflügels saniert. Im Oktober 2016 fand ein zweitägiger Kongress gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit mit Martin Schulz als Hauptredner statt.
Mitte 2018 verließ das Tanztheater DEREVO das Gelände; auch die syrische Familie wohnte dort nicht mehr. Seit der Spielzeit 2018/19 ist Carena Schlewitt Intendantin. Im November 2020 beschloss der Dresdner Stadtrat die Sanierung des Ostflügels. Dazu gehörte auch die wissenschaftliche Aufarbeitung der Bau- und Nutzungsgeschichte der Kasernenflügel von 1938 bis 1945.
Der Westflügel ist saniert und dient als Verwaltungsgebäude, Besucherzentrum und Sitz mehrerer Vereine; außerdem befinden sich dort zehn Künstlerapartments. Den Ostflügel sanierten Heinle, Wischer und Partner von 2020 bis 2024. Im Sommer 2024 wurde die östliche Kasernenmauer nach 85 Jahren abgerissen. Die Außenhaut des Ostflügels ist saniert, der Innenausbau läuft. Im September 2025 wurde er als weitere Spielstätte des Europäischen Zentrums der Künste eingeweiht. Dort gibt es heute einen Kleinen Saal, ein Probestudio und Residenzapartments.
Heinrich Tessenow starb am 1. November 1950 in Berlin. Geblieben sind Bauten, deren Wirkung nicht vom großen Auftritt lebt, sondern von Ordnung, Maß und dem genauen Blick auf den Raum. In Hellerau kann man das noch immer Schritt für Schritt ablesen – an den Pfeilern, den Dachlinien, den weiten Sälen und an den Spuren jener Nutzungen, die sich über Jahrzehnte in den Bau eingeschrieben haben.
