Heute, am 30. September 2026, wird der „Hieronymustag“ begangen, der Internationale Tag des Übersetzens. Für viele literarische Übersetzerinnen und Übersetzer in Deutschland gibt es allerdings wenig zu feiern: Laut einem Bericht des Deutschlandfunks können sie von ihren Honoraren kaum noch leben. Die Nachricht wurde am 1. Oktober 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt.

Rund 200 deutsche Übersetzerinnen und Übersetzer machten laut MDR in einer gemeinsamen Social-Media-Kampagne auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam. Sie fordern faire Honorare, verbindliche Vergütungsregeln und ein Verbandsklagerecht. Als Beispiel für andere Regelungen verweisen sie auf europäische Länder wie Irland, wo es bereits ein Grundeinkommen für Literaturberufe gibt. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass künstliche Intelligenz den Beruf zusätzlich bedroht.

Mehr Seiten, kaum mehr Geld

Wie es um die Bezahlung tatsächlich steht, zeigt die regelmäßig anonymisierte Erhebung des Verbands deutschsprachiger Übersetzer, kurz VdÜ. In der „Honorarumfrage Buch“ werden unter anderem Verlagsverträge, Seitenhonorare, Absatzbeteiligungen, Lizenzbeteiligungen sowie wichtige Genres und Sprachen untersucht.

Die Ergebnisse der Honorarumfrage Buch 2023/2024 sind ernüchternd. Zwischen 2021 und 2023 stiegen die Seitenhonorare für Literaturübersetzungen kaum. Gegenüber der Umfrage zu den Vertragsjahren 2019/2020 erhöhte sich das durchschnittliche Seitenhonorar zwar um 54 Cent auf 19,27 Euro. Unter Berücksichtigung einer Inflation von 16,7 Prozent zwischen 2020 und 2023 bedeutete das jedoch einen realen Kaufkraftverlust von knapp 2,60 Euro pro Seite.

Auch die Gemeinsamen Vergütungsregeln kommen immer seltener vollständig zur Anwendung. Der Anteil der Verträge, die sämtliche Mindestvorgaben erfüllten, sank von knapp 10 Prozent bei der Umfrage 2021 auf etwa 5 Prozent. Nach § 32 Urheberrechtsgesetz haben Übersetzerinnen und Übersetzer Anspruch auf eine angemessene Vergütung. Der Bundesgerichtshof legte in mehreren Urteilen zudem Mindestsätze und Mindestschwellen für Beteiligungen an Verkaufs- und Nebenrechtserlösen fest.

In der Praxis sah es bei den ausgewerteten Verträgen anders aus: 38 Prozent unterschritten die BGH-Mindestvorgaben für die Absatzbeteiligung bei der Print-Erstausgabe, 42 Prozent die Vorgaben für die Taschenbuch-Zweitverwertung. Gegenüber der vorherigen Honorarumfrage zeigte sich bei diesen Beteiligungen kein positiver Trend.

Ein Einkommen, das kaum trägt

Das durchschnittliche Jahresarbeitseinkommen literarischer Übersetzerinnen und Übersetzer lag 2022 laut Künstlersozialkasse bei 19.756 Euro vor Steuern und Sozialabgaben. Das entsprach rund der Hälfte des bundesdeutschen Durchschnittsbruttoeinkommens von 39.996 Euro im selben Jahr. Wegen der niedrigen Honorare und Beteiligungen gilt die Berufsgruppe auch im Alter als akut armutsgefährdet.

Die vollständige Honorarumfrage Buch 2023/2024 wurde im August 2025 veröffentlicht. Laut VdÜ denken zunehmend Übersetzende über einen Berufswechsel nach oder haben ihn bereits vollzogen. Als mögliche Maßnahmen nennt der Verband den Ausbau der staatlichen Übersetzungsförderung, branchenweite Vergütungsregeln und ein Verbandsklagerecht.

Ein neues Dossier zur Einkommenssituation von Literaturübersetzenden stellte die Honorarkommission des VdÜ am 7. März 2026 in Kiel vor. Danach arbeiten Literaturübersetzende meist als Soloselbstständige für Buchverlage. Der deutsche Buchverlagsumsatz lag 2023 bei rund 5,4 Milliarden Euro. Gleichzeitig war 2023 und 2024 jeweils mehr als jedes siebte erstmals veröffentlichte Buch eine Übersetzung ins Deutsche.

Der Anteil übersetzter Neuerscheinungen stieg von 12,4 Prozent im Jahr 2015 auf 15 Prozent im Jahr 2024. Zu den erfolgreichen Titeln der umsatzstärksten Publikumsverlagsgruppe Penguin Random House gehörten 2024 der Roman „Das Mädchen aus Yorkshire“ und das Sachbuch „Nexus“ – beide in deutscher Übersetzung. Die Bücher finden ihr Publikum. Bei denen, die sie überhaupt erst auf Deutsch zugänglich machen, kommt davon offenbar zu wenig an.

Akut gefährdet – trotz voller Auslastung

Das durchschnittliche Jahreseinkommen von Literaturübersetzenden betrug 2024 vor Steuern und Sozialabgaben 20.363 Euro. Damit lag es bei weniger als einem Drittel des deutschen Durchschnittseinkommens. Nach Angaben des Dossiers sind viele Übersetzende hoch qualifiziert und ganzjährig ausgelastet. Rücklagen und eine ausreichende private Altersvorsorge seien wegen der niedrigen Einkommen kaum möglich; dadurch bestehe auch im Alter ein erhöhtes Armutsrisiko.

Die Entwicklung bei den Seitenhonoraren erklärt einen Teil dieser Schieflage. Das durchschnittliche Honorar für eine branchenübliche Normseite stieg von 2020 bis 2023 nominal nur um 2,9 Prozent. Im selben Zeitraum sank die allgemeine Kaufkraft laut Dossier um knapp 17 Prozent. Oder, weniger höflich gesagt: Mehr Arbeit, mehr Kosten, aber das Geld bleibt beinahe stehen.

Viele Verlage unterschritten die 2014 vereinbarten gemeinsamen Vergütungsregeln sowie die vom Bundesgerichtshof 2009 und 2011 festgelegten Mindestvorgaben für Verkaufs- und Lizenzbeteiligungen. Der Bundesgerichtshof hatte eine Mindestbeteiligung ab dem 5.001. verkauften Druckexemplar der Erstveröffentlichung festgelegt. Diese Mindestsätze wurden laut VdÜ in 38 Prozent der untersuchten Übersetzungsverträge unterschritten.

Viele, insbesondere große Konzernverlage, böten ausschließlich nicht verhandelbare Hausverträge an. Eine Urhebervertragsrechtsnovelle von 2002 sollte die wirtschaftliche Stellung der Kreativen verbessern. Laut VdÜ wurde dieses Ziel nicht erreicht. Immer mehr Übersetzende erwägen den Berufswechsel, einige haben den Beruf bereits aufgegeben.

Was sich ändern soll

Der VdÜ fordert eine stärkere staatliche Förderung von Übersetzungen, eine deutliche Erhöhung der Bibliothekstantiemen und eine Stärkung kollektiver Verhandlungselemente. Hinzu kommen die bereits von der Kampagne zum Hieronymustag verlangten fairen Honorare, verbindliche Vergütungsregeln und ein Verbandsklagerecht.

Das Dossier verweist dabei auf einen Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz. Der VdÜ bewertet den gesamten Berufsstand inzwischen als akut gefährdet. Zwischen Manuskript, Verlag und fertigem Buch liegen viele Monate konzentrierter Arbeit – und bei nicht wenigen Übersetzenden am Ende ein Einkommen, das weder den Alltag noch das Alter verlässlich absichert.